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Mein halbes Jahrhundert "mit den Zigeunern" – 3. und letzter Teil

ZigeunerÄhnlich ist es auch mit den Zigeunern: sie fahren in modernen Autos herum mit überprüften Führerscheinen, aber aus dem Wohnwagenplatz kommen sie nicht heraus. Warum? Das zeigt vielleicht am besten die Geschichte dieses Wohnwagenlagers. Eine Geschichte, die man aus Polizeiakten erfahren kann, den Bürgern und den Lagerplatzbewohnern! Der über 70jährige Helmut Franz erzählt:

In dieser Stadt haben immer Zigeuner gelebt. Schon als kleines Kind habe ich sie gesehen. Sie standen im Winter mit ihren Wagen auf dem Schützenplatz. Im Sommer sah man sie meistens nicht in der Stadt, nur wenn Jahrmarkt war. Sonst sah man nur ein paar von ihnen, die in der krummen Straße im Arbeiterviertel lebten – in richtigen Wohnungen.
Daran hat sich eigentlich nie etwas geändert… bis… irgendwann mitten im Krieg waren sie dann alle verschwunden.

In den Akten ist zu lesen:
„Im März 1943 werden alle in der Stadt lebenden Zigeuner „erfasst“ und mit unbekanntem Ziel abtransportiert.

Im Herbst 1945 erscheint ein Teil (Vater und Tochter) einer früher hier ansässigen Zigeunerfamilie und kommt um Aufnahme nach. Von Angehörigen der Besatzungsmacht wird den Zigeunern Wohnraum zugewiesen.

Helmut Franz weiter,
Irgendwann, ich weiß gar nicht mehr genau in welchem Jahr, standen dann wieder die Zigeunerwagen auf dem Schützenplatz. Es waren nicht mehr die von früher. Nicht mehr alle. Es waren auch fremde darunter.

Und weiter in den Akten:
Im Januar 1952 werden die Zigeunerwagen vom Schützenplatz entfernt. Gegen eine Standgebühr von DM 5.- wird den Zigeunern ein neuer Platz am Bahndamm zugewiesen. Der Platz wird monatlich von der Polizei kontrolliert.

Februar 1952: Der Lagerplatz befindet sich in einem schmutzigen unsauberen Zustand. Die dort lebenden Zigeuner verrichten ihre Notdurft im umliegenden Gelände. Sechs Familien, die sich weigerten, auf den vorgeschriebenen Lagerplatz zu ziehen, sondern am Rande des Zufahrtweges lagerten, wurden durch die Feuerwehr auf den Lagerplatz befördert.

Februar 1953: Der Zugang zum Lager ist in einem derart schlechten Zustand, dass der Weg unbedingt neu aufgeschüttet werden muss. Der Platz sieht trostlos aus. Ringsum Berge von Unrat und Asche. Die Klosettanlage, bestehend aus zwei Sitzklosetts über einer primitiven Senkgrube, war derart verschmutzt, dass die Anlage nicht mehr benutzt wird.

November 1953: Nach Aussagen verschiedener Bewohner des Lagerplatzes haben verschiedene Zigeunerkinder Masern bekommen, und drei oder vier Kinder befinden sich bereits im Krankenhaus.

Januar 1954: Die Zahl der 32 Wagen ist für den Lagerplatz unbedingt zu hoch. Die sanitären Verhältnisse sind katastrophal. Die Notdurft wird im Freien, oft unmittelbar neben den Wagen, verrichtet, da eine Abortanlage fehlt. Die einzige Wasserzapfstelle liegt 40 Meter weiter entfernt.

Februar 1954: Mit etwa 25 Beamten der Schutz- und Kriminalpolizei, vier Beamte der Stadt und einigen Arbeitern wurde heute eine Großrazzia gegen das Zigeunerlager unternommen. Eine halbe Stunde vor der Durchsuchung war das Lager mit Spürhunden umstellt. Punkt sieben Uhr wurde das Zigeunerlager angestrahlt und jeder Wagen eingehend untersucht. Jede Person wurde aufgrund des Ausweises registriert. Es wurden insgesamt 156 Personen mit Kindern und 38 Wagen festgestellt.

September 1954: Heute überbrachten vier Polizei- und Verwaltungsbeamte den Wohnwagenbesitzern eine Verfügung.

Da nimmt sich endlich ein Rechtsanwalt der Sache an. Er vertritt einige der Lagerbewohner in Wiedergutmachungsfällen. Fast alle sind KZ-Überlebende und Hinterbliebene ermordeter Eltern, Großeltern, Geschwister.

Am 20.09.1954 erscheinen drei Vertreter der Wohnwagenlagerbewohner in der Stadtverwaltung und reichen eine schriftliche Beschwerde gegen die Räumungsverfügung ein. Auf diese Beschwerde reagiert die Stadt in der Weise, dass die für den 01.10. angesetzte Zwangsräumung nicht erfolgt. Intern wird in einer Sitzung am 08. Oktober festgestellt, dass „die Verfügung aus rechtlichen Gründen nicht haltbar ist.“
Auf dem Wohnwagenplatz selbst ändert sich nichts und erst am 24.07.1956 – also zwei Jahre später! – schreibt die Stadt an die drei Vertreter des Wohnwagenlagers, dass „die angefochtene Verfügung hiermit aufgehoben“ wurde und ihre Beschwerde „somit gegenstandslos“ geworden ist.

Acht Jahre lang bleibt der Dreckhaufen von einem Lagerplatz ohne Strom, ohne sanitäre Einrichtungen mit einer einzigen Wasserstelle unverändert.

Erst im Frühjahr 1960 wird in der Nähe ein anderes Gelände zur Verfügung gestellt. Mit Toilettenanlage, Elektro – und Wasserversorgung und „Einzäunungen, die das Grundstück so einfrieden, dass die Nachbargrundstücke gegen ein Übersteigen durch die Zigeuner gesichert ist.“
In diesem umzäunten Ghetto, dessen Tor allerdings stets unverschlossen blieb, habe ich 1960/1961 versucht, die Lebensverhältnisse und –geschichten von 37 Sinti – und Roma – Familien (183 Personen) zu beschreiben und auch darzustellen, wie wir als Mehrheitsgesellschaft mit dieser Minderheitengruppe umgehen – nach über 550 Jahren Zusammensein in Deutschland, hunderten von Verfolgungen, kontinuierlicher Diskriminierung, dem Genozid-Versuch im Dritten Reich und unserer Nachkriegs-Wiederaufbau-Zeit. Das ist ein Buch für sich. Aber eben nicht nur ein Buch als soziologische Dissertation 1961 mit dem Titel „Zigeuner heute“ geschrieben – sondern als eine Fortsetzungsbeobachtung bis auf den heutigen Tag. Immer neues liegt im Argen, wenn es um unser Verhältnis zu dieser Minderheit geht, die Ausgrenzung nimmt mal schärfere, mal schwächere Formen an, aber sie bleibt. Und deshalb müssen wir alle – Mehrheit wie Minderheit – wachsam bleiben. Schließlich steht das Maß unserer Humanität auf dem Spiel. 2009 wie 1959 – wenn auch unter anderen Vorzeichen.