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Angeklagt: Das System ARD

in: Neues Deutschland

Horst Emig ist Sport-Journalist. Er konzipierte, moderierte große Live-Sendungen für die ARD und den Hessischen Rundfunk. Er war Abteilungsleiter einer großen Redaktion, der Sportchef einer öffentlich-rechtlichen Anstalt, einer der Könige des Mediensports mit dem besonderen Fachgebiet Radsport, also unter anderem auch Star-Reporter bei der Tour de France.


Jetzt steht er in Frankfurt (Main) vor Gericht, angeklagt wegen Bestechlichkeit, Betrug, Untreue und so weiter … An die 500 000 bis 600 000 Euro soll er in die eigene Tasche gesteckt haben, über die Firma seiner Ehefrau, die als Vermittlerin eingeschaltet war bei Verträgen für große und kleine Sportveranstaltungen, die im Fernsehen übertragen wurden. Na ja, denkt man da, das ist halt wieder so ein mittlerer oder sogar eher kleiner Fall von Wirtschaftskriminalität. Soll man sich darüber aufregen? Aufregen eher nicht, aber nachfragen, wie es zu solchen Praktiken mitten im öffentlich-rechtlichen Fernsehsystem kommen kann. Denn hier geht es schließlich um ein von uns allen bezahltes, für unsere Information, Bildung und Demokratisierung unerhört wichtiges Unternehmen.
Die Fälle von Betrug, Bestechlichkeit und Untreue fallen in die Jahre 2000 bis 2004. Die Vorgeschichte kenne ich gut. Denn von 1994 bis März 2001 war ich – als Chefredakteurin Fernsehen im hr – Horst Emigs Vorgesetzte. Offiziell, in Wirklichkeit hatte ich die Kontrolle über die Sportredaktion an die Programmdirektion, das Justitiarat und die Intendanz abgegeben. Warum? Der Sport-Journalist Emig wurde von seinem öffentlich-rechtlichen Arbeitgeber, dem Hessischen Rundfunk, von Anfang an auch zum Geschäftsmann gemacht, einem Einkäufer von Veranstaltungen und Verkäufer von Sendezeiten. Der Entscheider über Programme war zugleich Anbieter von Sendeplätzen. Das Haus erwartete, dass er Gelder beschaffte, um die teuren Sportveranstaltungen realisieren zu können.
Der Etat der Sportredaktion war so kalkuliert, dass der Sportchef einen hohen Prozentsatz der Produktionskosten über Dritte »hereinholen« musste. So wollte es das System – und zwar keineswegs nur im hr. Das Stichwort heißt »Beistellungen«. »Beigestellt« wurde die Finanzierung von Übertragungswagen, Kameras und Kameraleuten, Aufnahmeleitern, Regieleistungen … Es war ein kompliziertes Spiel zwischen Journalismus und Geschäft, das da ganz offiziell gespielt wurde und das bei weitem meine Kompetenz überstieg. Ich wollte damit auch nichts zu tun haben. Der Sport unterlag anderen Regeln als die Programme, die ich sonst zu verantworten hatte: Nachrichten- und Informationssendungen, Dokumentationen, politische Gespräche usw.
Emig machte sein Ding im hr. Wenn wir miteinander sprachen, lächelte er meist freundlich bis milde. Einmal, es war September, sprach ich ihn auf Minusziffern in seinem Budget an und wies darauf hin, dass ich nicht gewillt sei, am Ende des Jahres einen Fehlbetrag der Sportredaktion innerhalb des Gesamt-Etats der Chefredaktion auszugleichen. Er meinte, ich könne unbesorgt sein, er habe gerade einen Vertrag über Erstattung von Lizenzkosten und mehrere Beistellungen unterschrieben – mit Genehmigung des Justitiarats. Der öffentlich-rechtliche Journalist als Einkäufer und Verkäufer – offiziell und ganz legal? Darf das sein? Wohin führt das? Zu Firmengründungen der Ehefrau (auch der Sportchef des MDR hat seine Ehefrau eine Vermittlungs- und Beratungsfirma gründen lassen).
Kein Mitleid mit Horst Emig, aber die Frage, wie viel Mitschuld ein öffentlich-rechtlicher Sender trägt. Und vor allem, ob dieser Fall nicht zu grundsätzlicher Neu-Regelung zwingt, der Trennung nämlich journalistischer Aufgaben und Programmentscheidungen vom Geschäft – gerade bei einem von öffentlichen Geldern finanzierten Medienunternehmen. Der Prozess wird am 26. August fortgesetzt.