Mein halbes Jahrhundert "mit den Zigeunern" – Teil 2
29. Juli 2010 in Publikationen
Diese Szene in Büchen – war sie ein Hinweis, dass das widerspruchslose Hinnehmen stereotyper Meinungen von einem gewissen Punkt an auch bedeutet, zuzulassen, dass diese stereotypen Meinungen sich verwirklichen in Form von Abschiebungen zum Beispiel, von Diskriminierungen, neuen Verfolgungen? Als ich den Bahnhof verließ, wartete auf dem Vorplatz eine Gruppe Zigeuner aus Hamburg. Sie wollten die Aussiedler aus Polen abholen. Einer von ihnen, ein alter Mann in einem dunklen Anzug, kam auf mich zu und sagte:
Ich habe gesehen, dass Sie protestiert haben dagegen, wie man unsere Leute behandelt hat. Aber wissen Sie, das hier ist nur ein auffälliges Beispiel, weil es gegen so viele geht und die Gewalt offen zeigt. Aber das Schlimme ist, dass man uns immer und überall abschiebt, müssen Sie wissen. Jeden Tag schiebt man uns ab. Arbeit? Hau ab Zigeuner! Wohnung? Bloß weg mit euch Zigeunern! Schule? Wir wollen keine dreckigen Zigeunerkinder!
Und ich sage Ihnen: das ist heute vielleicht schlimmer als zu Zeiten des Kaisers. Ich bin richtig in die Schule gegangen. In Hamburg-Altona.
Meine Eltern haben dort gewohnt. In einer richtigen Wohnung. Und gearbeitet als Besenbinder. Wir waren arm, aber wir hatten unseren Erwerb und Unterkunft – und ich habe eine Schulbildung. Heute leben
wir in Lagern. Niemand gibt uns richtige Arbeit. Und die Kinder können nicht lesen und schreiben. Man schiebt uns einfach ab. So wie hier. Und es geht, weil niemand es merkt, weil niemand es weiß. Das sollten sie mal mit ansehen! Sie sind doch Reporterin.
Das war fast ein Vorschlag. Ein Plan. Was wusste man denn hierzulande wirklich über die Lebensverhältnisse der Zigeuner? 1959 – 14 Jahre nach Kriegsende, in der Wiederaufbau-Bundesrepublik? Wie sah die „andere Seite“ des stereotypen Meinungsbildes aus, das die Stimmen des Vorurteils beherrscht?
Ich bin diesen Fragen nachgegangen in Form einer soziologischen Untersuchung, die am Beispiel einer Gruppe deutlich machen soll, wie Zigeuner heute leben unter uns…
Das war 1960. In Hildesheim, Niedersachsen.
Ortsbeschreibung:
Der Wohnwagenplatz der Zigeuner liegt am Rande der Stadt.
Wenn man vom Bahnhof die Hauptstraße hinuntergeht bis in den Vorstadtbezirk, kommt man an eine Stelle, wo ein doppelter Bahndamm die Stadt von den Schrebergärten und ersten Feldern trennt – dort liegt ein Behelfsslum, ein Depot grauer Steinbaracken, wo die Ärmsten der Stadt wohnen: Die Kinderreichen, die Arbeitsscheuen, die chronischen Trinker, die ständigen Fürsorgefälle. Und dann noch ein Stück weiter, – wie um das soziale Gefälle des totalen Abstiegs auch räumlich zu markieren – liegt das Wohnwagenlager der Zigeuner. Es ist ein eingezäunter Platz, dessen Tor allerdings offen steht. Ein Ghetto wohl – aber Tag und Nacht geöffnet. In der Mitte steht ein steinernes Waschhaus. Daneben ein umgebauter Möbelwagen, der nun so eine Art Gemeinschaftsraum darstellt: Gottesdienste, Kinderstunden, Erwachsenenabende werden hier abgehalten.
Von dem Diakon, der nebenan im Barackenlager wohnt und dort eine Art Sozialzentrum mit Kindergarten, Wäscherei, Beratungsstunden leitet. Wenn es seine Zeit erlaubt, kommt er zu den Zigeunern herüber, um ein bisschen nach dem Rechten zu schauen. Um den „Kirchwagen“ des Diakons herum gruppieren sich die Wohnwagen. Das heißt: 33 Behausungsformen aller Art: sechs richtige Holzwohnwagen oder Zirkuswagen, fünf Campinganhänger mit modernen Einbauten, acht ausgediente Omnibusse, acht umgebaute Möbelwagen auf Steinen aufgebockt, drei irgendwie zurechtgebastelte Kleintransporter ohne Räder und zwei primitive Hütten aus Omnibuskarosserien und Holzwänden. Und neben diesen „Wohnwagen“ stehen die Autos. 22 Autos. Darunter drei fast neue Limousinen. 12 neue und ältere Mittelklassewagen, ein Kombiwagen und zwei Kleinwagen. Diese Autos sind der große Stolz der Zigeuner.
Sie sind Fluchthelfer aus dem Ghetto und Tarngehäuse im Alltag der anderen. Mit ihnen wird der Übergang vom Außenseiterplatz mitten hinein in die Gesellschaft möglich. Allerdings nur solange, wie man im Auto bleibt. Aber auch das ist schon ein großer Fortschritt.
Und wenn man ihre geputzten, gehätschelten Autos neben den Elendsbehausungen auf dem Wohnwagenplatz stehen sieht, fällt einem unwillkürlich der Anblick der Schwarzenviertel in Amerika ein: wo fast genauso die großen schönen Wagen vor den Slumhütten stehen und einladen zu einer Fahrt in die Gleichberechtigung der Konsumenten. Man wird jederzeit einem Schwarzen einen Cadillac verkaufen, aber ein Haus oder eine Wohnung in einem guten Wohnviertel?