Mein halbes Jahrhundert "mit den Zigeunern" – Teil 1
26. Juli 2010 in Publikationen
Der Autor Hans-Werner Kiefer hat gerade das Buch „Hommage an die Zigeuner“ veröffentlicht – das erste Buch seiner Art im deutschsprachigen Raum, das zu einem Dialog auf Augenhöhe zwischen Zigeunern und Nichtzigeunern beitragen will.
Schon früh habe ich mich mit dieser Thematik beschäftigt. 1961 promovierte ich an der Universität in Münster mit der Arbeit „Zigeuner heute – Untersuchung einer Außenseitergruppe in einer deutschen Mittelstadt“. Für diese nun vorliegende Publikation habe ich den Beitrag „Mein halbes Jahrhundert ‚mit den Zigeunern‘“ geschrieben.
Als Kind habe ich in Budapest und Wien gelebt.
In den drei Jahren, vorm Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und im ersten Jahr danach.
Da gab es viele Begegnungen mit Zigeunern.
Kesselflicker waren sie und als Scheren- und Messerschleifer kamen sie in die Vorder- und Hinterhöfe der großen Wohnblocks, wo wir Kinder spielten. Sie machten auch Musik und manchmal hatten sie Tanzbären dabei…
Das sind die frühen Erinnerungen. Dann veränderte der Krieg alles. Wir zogen „heim ins Reich“, erst nach Düsseldorf, dann nach Frankfurt am Main. Zigeuner gab es keine an diesen Orten in dieser Zeit. Nach dem Krieg, mit dem Beginn der Freiheit, der Demokratie erfahre ich als zehnjähriges Mädchen von der Verfolgung der Juden, der politischen Gegner des Regimes und auch der Zigeuner. In Frankfurt wurden Dokumentarfilme aus den KZ gezeigt, es gab Zeitungsartikel, Radiosendungen, auch unsere Lehrer klärten auf. Unsere schreckliche Schuld – mein Vater ist immer wieder darauf zurückgekommen.
Aber dann hatte ich eines Tages ein Erlebnis das alles veränderte. Ich war als junge Rundfunkreporterin dabei, als der letzte große Aussiedlertransport aus Polen in Büchen eintraf. Vielleicht erinnern Sie sich noch? Fast 80000 Deutsche aus den Oder-Neiße-Gebieten reisten zwischen 1956 und 1959 mit Hilfe der „Aktion Familienzusammenführung“ des Deutschen und des Polnischen Roten Kreuzes in die Bundesrepublik. Und am 26. Februar 1959 kam der letzte Sonderzug mit 700 Menschen in der kleinen Bahnstation Büchen an der Zonengrenze an. Es war eine bewegende Szene: Ein Posaunenchor spielte „Nun danket alle Gott!“, Helferinnen des Roten Kreuzes teilten Kaffee und Schokolade aus. Ein Herr aus Bonn richtete Willkommensgrüße aus. Ein anderer sprach von Freiheit. Und ein evangelischer und ein katholischer Geistlicher beteten. Aber dann passierte etwas Sonderbares, etwas, das in diese Szene überhaupt nicht hineinzupassen schien: Eine Hundertschaft Bundesgrenzschutz marschierte auf. Die Lokomotive wurde an den Schluss des Zuges versetzt. Die Türen der letzten drei Eisenbahnwagen wurden verschlossen. Und während der katholische Priester sein Gebet über den scheppernden Bahnhofslautsprecher rief, wurden die drei letzten Wagen vom übrigen Zug getrennt und von der Lokomotive aus dem Bahnhof gezogen – in Richtung Zonengrenze.
Und warum? Weil es sich – wie der Kommandant des Bundesgrenzschutzes erklärte ….“Bei den Insassen der letzten drei Eisenbahnwagen um Zigeuner handelt, die von den polnischen Behörden sozusagen abgeschoben worden sind, und die wir nun unsererseits sozusagen wieder abschieben, da sie keine Einreisegenehmigung für das Gebiet der Bundesrepublik nachweisen können …
„Sozusagen“, denn diese Einreisegenehmigung hatten die anderen 400 Aussiedler auch nicht. Aber das war auch nicht das Entscheidende. Das Entscheidende war: diese 300 waren Zigeuner. Zigeuner! Die Leute auf dem Bahnsteig verloren ihre schmerzlich gefasste Feierlichkeit und zeigten Entrüstung. Unwillige Unruhe breitete sich unter den Weinenden und Winkenden aus. Und ein älteres Ehepaar, das neben mir stand und bis zu diesem Augenblick noch ganz erfüllt war vom Geist der Brüderlichkeit und Willkommensrührung, wandte sich empört an mich mit lautstarkem Klagen:
Also, das wäre doch eine Unverschämtheit von den Polen! Uns diese Zigeuner auf den Hals zu laden. Die sind natürlich heilfroh, dass sie sie los sind. Und wir sollen jetzt sehen, wie wir mit dem Gesindel fertig werden. Die sollen sie bloß wieder dahinschicken, wo sie hergekommen sind. Wäre ja gar nicht auszudenken, was die alles anstellen würden, wenn man sie plötzlich auf unsere Bevölkerung losließe. Was da wieder alles gestohlen werden würde. Ich weiß doch noch, wie es früher war… Und die Wiedergutmachungsgelder, die die kassieren möchten, weil irgendeiner von ihnen mal im KZ war.
Und diese Stimmen ließen sich nicht einfach abtun, denn sie lieferten den Kommentar für eine ganz und gar unwürdige Szene, die sich vor seinen Augen abspielte. Denn während ich sie reden hörte, die Leute auf dem Bahnsteig, sah ich, wie die Zigeuner aus den Fenstern des fahrenden Zuges sprangen, den Kordon der Uniformierten durchbrachen. Über die Lichtung neben dem Bahndamm rannten; sah ich, wie die Männer in Uniform ihnen nachhetzten, sie einholten und zum Bahndamm zurücktrieben; sah ich eine ratlose Menschenmenge, von einem doppelten Ring Soldaten umstellt, am Rande des Bahnhofs zusammenrücken, stehen bleiben – und warten, während die leeren Eisenbahnwagen langsam wieder in Richtung DDR zurückrollten.
Und in diesem Augenblick des 26. Februar 1959, 20 Jahre nach den „Erfassungen“ des Dritten Reiches, 15 Jahre nach den Vertreibungen aus dem Osten, 14, 13 und wie viel sonst Jahre nach all den Verschleppungen, Ausweisungen, Repatriierungen, Abschiebungen … in einem Moment des endgültigen Abschieds von der schlimmen Völkerwanderungszeit nach dem Krieg, erschien diese Szene doppelt schmerzlich und alarmierend. War das ein Rückfall in gerade jetzt überwunden geglaubte Unmenschlichkeit? Oder der Anfang neuer Gefahr? Was eigentlich machten die Zigeuner zu den ewig Ausgestoßenen? Die 300 Zigeuner aus Polen hatten es geschafft. Der Zug fuhr leer zurück. Sie gehörten jetzt zu uns.