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Der 8. März oder: Wie die DDR ihre berufstätigen Frauen ehrt

in: querblick Nr. 2/2009, dem Infoblatt für feministische Politik und Geschlechtergerechtigkeit der Bundestagsfraktion DIE LINKE

Vorgeschichte, Geschichte, Nachgeschichte einer ARD Dokumentation von 1981

Vorgeschichte:
1978/79 war eine Zeit der Reformdiskussionen in der alten Bundesrepublik. Wie geht es Kindern, Schülern, Studenten, Frauen, Arbeitern? Das waren zentrale Fragen, mit denen sich vor allem auch die öffentlich-rechtlichen Sender befassten: in Dokumentationen, politischen Magazinen, Gesprächsrunden…
Im Ersten, im Zweiten und allen Dritten Programmen.

Die Lebensverhältnisse der Frauen, jung, alt, verheiratet, ledig, berufstätig oder nicht, waren ein Thema, das ich als Autorin immer wieder aufgriff. Internationale Vergleiche spielten dabei eine bedeutende Rolle. Die skandinavischen Länder waren Vorbilder für uns – und die sozialistischen Länder auch. Ja, die sozialistischen Länder auch!
Wir entdeckten in ihnen Lern-, Qualifikations-, Arbeits- und Gleichberechtigungsbedingungen, die wir gerne in der BRD auch gehabt hätten.

So bin ich zusammen mit der Abteilung Fernseh-Dokumentation des Hessischen Rundfunks 1979 auf die Idee gekommen, den Berufsalltag von Frauen in der DDR zu portraitieren – wenn möglich. Wenn möglich hieß, wenn Idee und Konzept vom Internationalen Pressezentrum der DDR akzeptiert werden würden. Und das wiederum bedeutete, wenn Dreharbeiten nach vorherigen mit genauen Festlegungen versehenen Absprachen genehmigt werden würden. Das war der Redaktion und mir klar. Das war auch nichts Neues. Das waren die Bedingungen. Genauso wurde mit anderen sozialistischen Staaten auch zusammengearbeitet.

Geschichte:
Eineinhalb Jahre lag unser Antrag samt Konzept beim Internationalen Pressezentrum in Ost-Berlin. Zwei Nachfragen blieben ohne Antwort. Ich hatte das Projekt schon fast vergessen – mit Bedauern, denn ich war neugierig auf die Lebensverhältnisse der „Schwestern“ in der DDR, wirklich neugierig – als im November 1980 beim Hessischen Rundfunk ein Brief einging: man habe das Projekt geprüft, es könnte realisiert werden, zum Vorgespräch könnten Regisseur und Autorin sich in Berlin einfinden.

Dieses Gespräch verlief wie eine Durchsage:
Dreharbeiten im Bezirk Erfurt möglich, wie gewünscht um den 8. März herum, weil ich den Internationalen Frauentag in den Mittelpunkt der Reportage stellen wollte- wie gesagt, neugierig – den 8. März kannten wir in der BRD ja gar nicht bzw. nur als historische Erzählung aus der Weimarer Republik oder den USA – Vorgespräche mit einer verheirateten Arbeiterin, einer geschiedenen Frau, einer Ärztin, einer LPG-Bäuerin möglich im Januar, die Familien könnte man jeweils einbeziehen. Organisation nach meinem Drehplan, Betreuung des Projektes für 25.000 DM, zahlbar ans IPZ.

Die Recherche-Gespräche in Weimar, Erfurt und Umgebung im Januar waren hochinteressant, auch angespannt, wir mussten uns ja gegenseitig kennenlernen. Das Schöne war die Neugierde auf beiden Seiten.

Nun sind Jahrzehnte später Stasi-Unterlagen aufgetaucht, die genau dokumentieren, wie diese Recherche-Gespräche und die Dreharbeiten von MfS Leuten vorbereitet und begleitet wurden. Das wussten wir Filmemacher nicht, obwohl wir es natürlich vermuteten. Es hat uns auch nicht belastet. Wir fanden die Einblicke und die Eindrücke, die uns die „ausgesuchten“ Frauen und ihre Familien gewährten authentisch, alltäglich, wahr – innerhalb des Systems DDR. Genau darum ging es in dieser Dokumentation: wie leben die Frauen und Mütter, wie können sie Beruf, Familie, Qualifizierung, Ehe miteinander verbinden. Dass die DDR keine Demokratie war, wussten wir, wussten unsere Zuschauer.

So verliefen auch die Dreharbeiten – und genau dies zeigt meines Erachtens auch der Film, der am 10. April 1981 im Abendprogramm der ARD zur besten Sendezeit und mit großem Erfolg lief.

Der Film beginnt ganz bewusst mit dem Signet der „Aktuellen Kamera“ und einem Bericht von den offiziellen Feierlichkeiten zum 8. März 1981 in Ost-Berlin und zeigt damit: Wir sind „drüben“, in jenem anderen Teil Deutschlands und seinem Alltag. Jede der von uns portraitierten Frauen stellen wir im Film vor als „vom Bezirk“ oder vom „Betrieb genannt“. An keiner Stelle haben wir so getan, als hätten wir uns individuell auf die Suche machen können. Wie hätten wir denn auch? Die Arbeit von West-Journalisten in der DDR war klar geregelt – und allen bekannt, gerade auch den Zuschauern der öffentlich-rechtlichen Sender. Mein Schlusskommentar lautete:

„50 % der Berufstätigen in der DDR sind Frauen. Und in der Bundesrepublik 40 % – ganze 10 % weniger. 3,6 Millionen dort –
9,7 Millionen hier. Als Arbeitskraft außer Haus und als unbezahlte Arbeitskraft im Haus. Für Frauen dort wie hier ist es da schon ein großer Fortschritt, wenn die Arbeit außer Haus gerecht entlohnt, mit Aufstiegschancen verbunden und anerkannt wird von der Gesellschaft – und die unbezahlte Arbeit im Haus wenigstens teilweise erleichtert.“

Das war die Botschaft an die Öffentlichkeit der BRD 1981: gerechte Entlohnung, Aufstiegschancen, Unterstützung beim Aufziehen der Kinder. Deretwegen wurde der Film gemacht und erlaubte das Kennenlernen von tüchtigen, sympathischen, aufgeschlossenen Frauen und ihren Familien aus dem „anderen Deutschland.“ Das war damals eine Seltenheit. Mir ist diese Zusammenarbeit noch jahrelang sehr eindrucksvoll im Gedächtnis geblieben.

Nachgeschichte:
2003 hat die ARD dem Forschungsverbund SED-Staat der FU Berlin den Auftrag zu einer wissenschaftlichen Studie über „Die auf den Rundfunk bezogenen Aktivitäten des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR“ erteilt.
Die Studie erschien in zwei dicken Bänden und enthält ein schönes Kapitel über unseren Film. Unter der Überschrift „Casting durch SED und MfS“ wird mir als Autorin vorgeworfen mit „von amtlichen Betreuern“ und vorbereiteten „DDR-Darstellern“ eine inszenierte Wirklichkeit als Alltag in Form einer Dokumentation hergestellt zu haben, die nichts weiter als ein Stück MfS-Propaganda gewesen sei.

Diesen Vorwurf fand ich ehrabschneidend für mich und vor allem denunziatorisch gegenüber den Frauen und ihren Familien im Film.

Also, machte ich mich, 25 Jahre nach unserer Zusammenarbeit auf die Spurensuche – und fand – bis auf eine Ausnahme – alle „DDR-Darstellerinnen und – Darsteller“ von damals wieder. Ich wollte wissen, wie es damals war mit dem „Casting“, der Selektion, dem Einstudieren von Antworten auf meine Frage. Und ich wollte es nicht nur privat wissen, sondern auch öffentlich machen. Jetzt hatte ja niemand mehr einen Grund die Wahrheit zu verheimlichen.
Erstaunlich: alle erinnerten sich an die Dreharbeiten und alle erklärten sich sofort bereit, sich zusammen mit dem Film einer öffentlichen Diskussion 2007 und 2008 zu stellen. Am 8. März jeweils. Fazit: Natürlich sind sie ausgesucht bzw. gefragt worden – vom Betrieb, von der Kreisärztin, vom Vorstand der LPG, ob sie dem West-Fernsehen Interviews geben wollten. Und in Acht nehmen sollten sie sich, wenn nach ihrem Verdienst gefragt würde. „Am besten keine genauen Zahlen in Mark und Pfennig.“ Aber sonst hätten sie uns Einblick in ihr Leben gegeben, wie es eben war.
Diese öffentlichen Diskussionen waren bewegend.

Im Herbst 2008 erschien das Buch „Operation Fernsehen – Die Stasi und die Medien in Ost und West“, gewissermaßen eine Zusammenfassung der ARD-Studie und unter dem glanzvollen Titel „Irreführung einer Betörten„ widmen die Autoren Jochen Staadt, Tobias Voigt und Stefan Wolle, mir und dem Film von 1981 wieder ein ganzes Kapitel und drehen die Vorwurfsschraube weiter: „überprüfte DDR-Darstellerinnen“, „gestellte Szenen“, „Vorführung eines verständigen DDR-Mannes“, „sozialistische Musterärztin“, „heile DDR-Welt“ usw. usw…. Und während im Forschungsbericht für die ARD noch andere schlimme Beispiele vom „Frauenparadies DDR“ zitiert wurden – vor allem aus der Frauenredaktion des damaligen SFB (Hört! Hört!) stammend – bleibt im für die Öffentlichkeit publizierten Buch nur ein einziger Fall übrig. Dieser Film vom 8. März 1981 von der vom MfS damals schon „betörten“ Luc Jochimsen und heutigen Bundestagsabgeordneten der LINKEN. Eine Verstrickung mit dem MfS war nicht nachzuweisen, dafür frühe „Betörung“. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.