"Deutsch und Deutsch gesellt sich gern?"
24. Januar 2010 in Café Gedanken frei
Im ersten „Café Gedanken frei“ des Jahres 2010 hatte ich den in Weimar lebenden Pfarrer und früheren Stadtkulturdirektor von Weimar, Felix Leibrock zu Gast - und meinen ehemaligen Fraktionskollegen Frank Spieth, mit dem ich diese Veranstaltungsreihe im Jahr 2007 ins Leben gerufen habe. Gemeinsam sprachen wir mit Felix Leibrock über 20 Jahre ‚Wende‘.
„Wir sind ein Volk“? Wirklich? Herrscht immer noch ein Kulturschock? Bleibt dauerhaft eine Mauer im Denken? Oder wächst zusammen, was zusammengehört? Leibrock betrachtete das Konsumverhalten in Ost und West, die zwischenmenschlichen Verhaltensweisen, aber auch literarische Beiträge zu diesem Thema und kam zu dem Entschluss, dass wir noch immer in zwei Kulturen leben. Das ließe sich an mit so vielen Beispielen belegen: sei es die höhere Konfliktbereitschaft der Westdeutschen, das im Osten des Landes verbreitetere Händeschütteln oder das Verfassen von Bewerbungen – der Ostdeutsche ginge tendenziell mehr auf die Sache ein und stelle seine eigene Person eher in den Hintergrund. Felix Leibrock machte aber schnell deutlich, dass wir trotz aller Unterschiede „auf einem guten Weg zur innerlichen deutschen Einheit“ sind. Man müsse sich jedoch noch mehr von den verschiedenen Leben erzählen, um sich besser zu verstehen, und mehr über sich lachen. Felix Leibrock richtete auch einen ganz klaren Appell an uns Politiker – denn in erster Linie müsse die Politik die Voraussetzungen für eine wirkliche Einheit schaffen.
Anschließend entwickelte sich eine intensive, kontroverse und natürlich auch emotionale Diskussion mit dem Publikum:
Da wurde der Unmut über die noch immer bestehenden Lohnunterschiede kundgetan und zurecht angemerkt, dass doch so keine Einheit entstehen könne.
„Die Mauer gibt es doch eher in den Köpfen der älteren Generation. In zehn Jahren haben wir diese Hoffnung vielleicht nicht mehr“, wurde als Hoffnung arkituliert.
Eine Frau erzählte, dass sich mittlerweile ein gegenseitiges Vertrauen aufgebaut hätte, „dennoch ist das Interesse an uns gering.“
Pfarrer Leibrock erhielt das Schlusswort zum Sonntag und sprach sicher für einen Großteil des Publikums, wenn er sagte: „Über 20 Jahre Einheit können wir auch stolz sein, auf die friedliche Revolution. Aber der Stolz und die Feierlichkeiten dürfen sich nicht wie ein Deckmantel über bestehende Probleme legen.“
