Arbeit in Thüringen
29. November 2011 in Arbeit in Thüringen
Wir trauern um die Ermordeten… Enver Simsek und Abdurrahim Özüdogru aus Nürnberg, Süleyman Tasköprü aus Hamburg, Habil Kiliç aus München, Yunus Turgut aus Rostock, Ismal Yasar aus Nürnberg, Theodoros Boulgarides aus München, Mehmet Kubasik aus Dortmund, Halil Yozgat aus Kassel und Michèle Kiesewetter aus Heilbronn… heißt es im Aufruf, der in Erfurt mehrere hundert Menschen im Hirschgarten zusammen gebracht hat. Den Opfern Namen geben, sie aus der Anonymität zu holen und ihrer gemeinsam zu gedenken ist das Anliegen.
Viele Prominente aus Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften sind dem Aufruf gefolgt. Die Erfurter CDU-Vorsitzende Marion Walsmann neben Bodo Ramelow und dem SPD-Vorsitzenden Christoph Matschie, der Erfurter CDU-Kandidat für den OB-Posten Michael Panse neben Rabbiner Walter Homolka und dem Vorsitzenden des Zentralrates der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek. Ein seltenes Bild.
Und aufrüttelnde Worte. Von der ehemaligen Erfurter Pröbstin, Elfriede Begrich. An die Hinterbliebenen der Terroropfer gewandt sagt sie: „Wir trauern mit euch, wir sind erzürnt mit euch. Wir sind beschämt, dass Menschen aus unserer Mitte solche faschistisch und rassistisch motivierte Taten begangen haben. Dass sie gedeckt wurden – von wem? Dass sie nicht verfolgt wurden – warum? Und dass die Täter untertauchen konnten – wie?“
Der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime sagte: „Wer Hass säht, wird Gewalt ernten.“ Und: „Diese Anschläge galten nicht einer Randgruppe von MigrantInnen. Sondern zielten ins Herz unserer demokratischen Gesellschaft.“ Und er forderte: „Ein Signal muss heute von Erfurt ausgehen: Menschen, egal welcher Herkunft, egal welcher Weltanschauung wenden sich gegen den braunen Terror!“
Weitere RednerInnen waren die Thüringer DGB-Vorsitzende Renate Licht, ein Vertreter einer Opferinitiative und ein Vertreter der evangelischen Landeskirche. Sie alle waren sich einig, dass neben dem Aufstand der Anständigen nun auch der Anstand der Zuständigen gefordert sei.
25. November 2011 in Arbeit in Thüringen, in Thüringen
In einer Zeit, in der Thüringen mit einem braunem Sumpf assoziiert wird, ist es wichtig, dass es auch ein anderes Thüringen gibt. Die Frauen und Männer aller Altersgruppen, die heute in Erfurt im Theater Waidspeicher den Bürgerpreis der Sparkassenstiftung entgegen nahmen, repräsentieren dieses andere Thüringen.
Ganz besonders hat mich die Auszeichnung von Vera Eberhardt für ihr Lebenswerk gefreut. Frau Eberhardt, Jahrgang 1928, von der SED bis zur LINKEN Mitglied in der Partei, hat sich über Jahre hinweg immer für die Menschen stark gemacht. Insbesondere für das Rote Kreuz, dem sie ebenfalls seit mehr als 40 Jahren angehört, war sie bei unzähligen Veranstaltungen aktiv. Viele ErfurterInnen haben ihr gute Schulnoten zu verdanken – denn die Mathematiklehrerin hat unentgeltlich und ohne nach Herkunft zu fragen, Nachhilfeunterricht gegeben. Und nicht zu vergessen ihre fast 20 Jahre währende Tätigkeit im Erfurter Stadtrat. Legendär ihre Süßigkeiten, die sie immer bei sich trug und damit sogar Streitigkeiten unter Ratsmitgliedern schlichten konnte. Der Erfurter Oberbürgermeister, Andreas Bausewein, der es sich nicht nehmen ließ, selbst die Laudatio zu halten, erinnerte aber auch an Eberhardts Jugendaktivitäten:“Sie haben als 16-Jährige im Jahr 1944 Flugblätter gegen den Krieg verteilt. Dafür sind sie sogar ins Gefängnis gegangen. Von diesem Engagement wissen nur wenige. Das verdient unseren höchsten Respekt.“
Ausgezeichnet wurde auch der Verein „Lagune Stadtteilgarten“. Dieser Verein setzt sich seit 5 Jahren dafür ein, Stadtnatur in der Stadt Erfurt erlebbar zu machen. Mit fantasievollen Veranstaltungen wie Naturgartenfesten, einer Erdbeerfilmnacht oder „Klugem Konsum“ wird auf einer innerstädtischen Brachfläche allen Bevölkerungsgruppen Naturschutz und Naturerfahrung zugänglich gemacht. Zurecht lobte die Laudatorin, die amtierende Amtsleiterin für Stadtentwicklung und Umwelt, Sylvia Hoyer, diese Initiative: „Unermüdlich wird von den Lagunauten Jahr für Jahr nicht nur der Gemeinschaftsgarten neu gestaltet, sondern auch ein Programm auf die Beine gestellt, das die Bürgerinnen anspricht.“
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21. November 2011 in Arbeit in Thüringen, Café Gedanken frei
Ein besonderer Tag: Totensonntag mitten in einer Zeit der schrecklichen Erkenntnisse, dass Nazis jahrelang von Thüringen aus und immer wieder in Thüringen eine mörderische Spur durch unser Land zogen – unerkannt.
Wir begannen unsere Veranstaltung mit einem Gedenken an die Ermordeten und waren uns einig, an diesem Tag nicht nur das geplante Thema abhandeln zu können: „Thüringen – und sein rot-roter Sonderweg“, sondern auch zu reden hätten über „Thüringen – der braune Sonderweg.“
Im übrigen hatte das eine Thema viel mit dem anderen zu tun. Der Neuanfang von Kommunisten und Sozialisten nach dem Krieg war wesentlich von den Erfahrungen der Akteure in der Nazizeit und im Zweiten Weltkrieg geprägt. Eine wichtige Rolle spielte dabei der Buchenwaldhäftling und Sozialdemokrat Hermann Brill. Steffen Kachel, ehemaliger Thüringer PDS-Landtagsabgeordneter und zur Zeit Vorsitzender der LINKEN in Erfurt, hat in seinem Buch „Ein rot-roter Sonderweg“ diesen Neuanfang nachgezeichnet. Kachel las in Auszügen aus seinem Buch und es ging zunächst um die Rolle Brills, der von den Amerikanern Mitte 1945 zum Regierungspräsidenten in Thüringen ernannt worden war. Brill, Mitbegründer des Bundes demokratischer Sozialisten, vertrat die Auffassung, dass nur eine Einheitspartei der Werktätigen die Konsequenz aus dem Versagen von SPD und KPD im Angesicht des Faschismus sein könne. Schon im April 45 führte er dazu Gespräche mit Thüringer KP-Vertretern.
In der sich neu formierenden KPD jedoch war der Wille, eine gemeinsame Partei zu formen, nicht sehr stark vorhanden. Hier wurde der Weg zu einer Einheitspartei unter Führung der Kommunisten präferiert. Mit dem Besatzerwechsel im Juli 45 wurden diese Bemühungen weiter forciert, Brill wurde als Regierungschef abgesetzt. Nachdem gegen Ende des Jahres klar wurde, das Brills Vorstellungen von einer gemeinsamen Partei keine Chance bei den Sowjets hatte, verließ dieser Thüringen in Richtung Hessen. Kachel betonte, dass der gemeinsame Weg von Sozialisten und Kommunisten immer auch von der Einschätzung der Besatzungsmächte abhängig war. Mit dem Betreiben einer deutschen Zweistaatlichkeit war auch eine neue, unabhängige Partei der Werktätigen endgültig unmöglich geworden. weiterlesen …
21. November 2011 in Arbeit in Thüringen
Justizausschuss muss sofort mit umfassender Aufarbeitung von Ermittlungspannen gegen Rechtsextreme beginnen

Die heutigen Medien- veröffentlichungen zum 1997 unterbliebenen Haftantritt des Neonazis und Mitglieds der so genannten „Zwickauer Zelle “ Uwe B. „bestätigen, dass der Justizausschuss schnellstens mit der umfassenden Aufarbeitung der Ermittlungspannen gegen die Rechtsextremen und der Verantwortung der Thüringer Justizbehörden daran beginnen muss“, unterstreicht Ralf Hauboldt. Der Justizpolitiker informiert darüber, dass die Linksfraktion eine Sondersitzung beantragt hat.
„Dass von der Staatsanwaltschaft in Thüringen und der in die Ermittlungen einbezogenen Polizei die offensichtlich zahlreich bestehenden Möglichkeiten nicht genutzt wurden, gegen diese gewalttätigen und militanten Rechtsextremen vorzugehen, gehört zu einer monströsen und skandalösen Kette“, so Hauboldt. Daher lege der mit der Aufforderung zur Einberufung der Justizausschuss-Sondersitzung eingebrachte Antrag der LINKE-Fraktion einen inhaltlichen und zeitlichen Schwerpunkt auf die Thüringer Aktivitäten des Rechtsextremen-Trios und ihrer Unterstützer sowie die Arbeit der Justiz- und Ermittlungsbehörden in den Jahren 1997 bis 2003. „Nicht nachvollziehbar ist, warum der schon verurteilte Uwe B. 1997 oder dann 1998 nicht zum Haftantritt verpflichtet bzw. der zuständigen Justizvollzugsanstalt überstellt wurde. Nicht nachvollziehbar ist auch, dass die Thüringer Justizbehörden offensichtlich nicht alle Möglichkeiten ausschöpften, um den Eintritt der Verjährung zu verhindern. Aufgeklärt werden muss, welche Motive bei den Behörden für dieses unverständliche Verhalten eine Rolle spielten. Sofern der Justizausschuss zu Tage fördert, dass unzureichend, schlampig oder verharmlosend seitens leitender Beamter der Justiz agiert wurde, müssten weit reichende politische Fragen gestellt werden.
Die LINKE-Fraktion werde den eingereichten Antrag auf Berichterstattung bis zur Sondersitzung am Mittwoch mit einer aktuellen Frageliste an die Landesregierung fortschreiben. Der Abgeordnete fordert, dass auch die frühere Ermittlungstätigkeit der Justiz umfassend und von unabhängiger Seite durch die Untersuchungskommission überprüft werden muss, allerdings sollte der Thüringer Landtag bei dieser Aufklärungsarbeit eingebunden sein. „Im demokratischen Rechtsstaat verlangt die Verfassung, dass das Parlament das Handeln der Exekutive, also von Regierung und Behörden, umfassend kontrolliert und gegebenenfalls auf Korrekturen dringt, eine Selbstkontrolle durch die Regierung reicht nicht aus“, so Hauboldt.
21. November 2011 in Arbeit in Thüringen
Aus gegebenem Anlass weist Bodo Ramelow, Vorsitzender der Fraktion DIE LINKE im Thüringer Landtag, „Legenden, Mythen, falsche Fährten und Fehlinformationen“ in der aktuellen Berichterstattung über die Neonazi-Terrorgruppe und mögliche Verbindungen in die Sicherheitsbehörden zurück.
So seien, anders als von einigen Medien jetzt dargestellt, die Computerfestplatten mit als geheim klassifizierten Daten, die beim Umzug des Thüringer Innenministeriums im Jahr 1997 gestohlen worden waren, später nicht wieder aufgetaucht. Sie seien auch nicht in der Neonazi-Szene kursiert, wie jüngst wieder gemeldet wurde, so der Abgeordnete. „Diese Falschinformationen, die seinerzeit von interessierter Seite gestreut wurden, um vor allem den ehemaligen SPD-Innenminister Richard Dewes zu diskreditieren, in dessen Amtszeit die Computerfestplatten gestohlen wurden, sind längst widerlegt“, betont Ramelow.
Die Daten, die im Jahr 2001 von einer Zeitung in Thüringen veröffentlicht wurden, stammten eben nicht von den gestohlenen Festplatten, so Ramelow weiter, sondern aus Sicherheitskopien aus dem Innenministerium. Zur Zeit der Veröffentlichung, die seinerzeit für einiges Aufsehen gesorgt habe, sei Christian Köckert (CDU) Innenminister gewesen. Der sei im Folgejahr wegen einer angeblich „verschwundenen“ CD mit den in Frage stehenden Daten aus seinem Schreibtisch dann auch zurückgetreten. Köckert sei „ein besonders dubioser Amtsträger in einer so sensiblen Funktion gewesen“.
Ramelow erinnert zudem an den Untersuchungsausschuss des Landtages, der sich mit dem Einsatz des Verfassungsschutzes gegen den Bürgermeister und den Beigeordneten der Stadt Blankenhain beschäftigte. Der Verdacht, dass Köckert persönlich in der Landtagskantine einen Zettel mit den Namen der beiden Kommunalpolitiker der Freien Wähler an den Chef des Thüringischen Verfassungsschutzes übergeben habe, sei nicht hinreichend ausgeräumt. Selbst in Sicherheitskreisen sei damals über eine „Parteikiste“ spekuliert worden, von Journalisten sei später auch auf Konkurrenz in der Immobilienbranche als möglicher Hintergrund verwiesen worden. Die Vorgänge seien u.a. in dem Buch „Die Akte Ramelow“, das sich mit seiner eigenen „Beobachtung“ durch den Verfassungsschutz befasse, thematisiert worden, so der Fraktionsvorsitzende abschließend.
16. November 2011 in Arbeit in Thüringen
Donnerstag, 10. November, 8:00 Uhr. Eine lange Schlange von Menschen steht vor der Tür des Thüringer Landtags und wartet geduldig darauf, eingelassen zu werden. Die Mienen sind ernst, die Stimmung gespannt. Hin und wieder wird ein freundlicher Willkommensgruß ausgetauscht. Es sind Bürgermeister, Landräte, Beigeordnete, Stadträte und Kreistagsabgeordnete die an diesem nebligen Morgen nach Erfurt gekommen sind.
Der Grund für den Landtagsbesuch ist aus ihrer Sicht alles andere als erfreulich: Die CDU-SPD Landesregierung in Thüringen will die Grundlage der Kommunalfinanzen, den Kommunalen Finanzausgleich, um 200 Mio. Euro kürzen. Heute soll im Landtag dazu eine öffentliche Anhörung stattfinden.
Der Deutsche Gewerkschaftsbund verteilt Postkarten an die Wartenden: „Thüringen – gerecht geht anders!“ steht darauf. Monika Sossna vom DGB erklärt: „Die Ministerpräsidentin Lieberknecht darf nicht immer nur auf die Ausgabenseite schauen. Sie muss auch die Einnahmenseite Thüringens im Blick haben. Vermögenssteuer, Erbschaftssteuer und ein gesetzlicher Mindestlohn bringen mindestens 500 Mio. Euro Mehreinnahmen für Thüringen.“
Mitglieder der Linksfraktion verteilen „Rettungspakete.“ Symbolischer Inhalt: Eine Nadel mit Faden „zum Stopfen von Haushaltslöchern“, ein Pflaster „zur ersten Hilfe bei Schlaglöchern“ und ein Teelicht „zur Straßen-Notbeleuchtung“.
Drinnen sind der Plenarsaal und alle anderen Räume, in denen die Debatte per Videowand zu sehen sind, rappelvoll. Auch hier ernste Mienen, viel Wut kommt in den kurzen Gesprächen zum Ausdruck. „Bei mir machen die Kürzungen fast 15% meines Haushalts aus. Wie soll ich das in einem Jahr ausgleichen?“ schimpft ein Bürgermeister aus Ostthüringen. Eine Kommunalvertreterin aus dem Norden macht sich Sorgen um den Gemeindefrieden: „Unsere Gemeinde hat knapp 4000 Einwohner und wir sollen fast 400.000 Euro sparen, also 100 Euro pro Einwohner. Wenn das passiert, brennt bei uns die Hütte.“ Am Eingang, wo alle Besucher registriert wurden hört man: mehr als 1000 Kommunalvertreter aus ganz Thüringen haben sich im Landtag eingefunden.
Ich sitze mitten unter ihnen und die Anhörung beginnt. weiterlesen …
05. November 2011 in Arbeit in Thüringen, in Thüringen, Veranstaltungen
Nach dem Programmparteitag in Erfurt nun der Landesparteitag in Sömmerda. Das Motto: „Genug gekürzt – Kommunen demokratisch und sozial gestalten“. Im Mittelpunkt der Tagesordnung die Kommunalfinanzen, die Diskussionen und Beschlüsse zur Strategie der Partei für die Landrats- und Bürgermeisterwahlen im kommenden Jahr und die Neuwahlen der Gremien des Landesverbandes.
Meine Rede dazu:
Liebe Genossinnen und Genossen, ich bin keine Delegierte des Parteitages und meine Kenntnisse des Landesverbandes von innen sind schmal. Dennoch will ich heute das Wort ergreifen. Und zwar wegen meines Blickes von außen, von Berlin, aus Kollegensicht in der Bundestagsfraktion und von meinen vielen Besuchen, Gesprächen und Erfahrungen in anderen Landesverbänden.
Wenn man diesen Vergleich hat, dann steht der Landesverband Thüringen sehr gut, ja außerordentlich gut da. Und dass muss ja irgendwie mit seiner Führung zusammen hängen. Auch und gerade mit dem Landesvorsitzenden. Auch die Ausrichtung des Programmparteitags in Erfurt muss hier erwähnt werden – eine große Leistung. Man wird beneidet, wenn man aus Thüringen kommt – so geht es mir seit 6 Jahren. Alles andere wäre gelogen.
Natürlich gibt es Probleme, aber das sind Probleme, die es überall gibt. Mitglieder-Rückgang, das Fehlen eines Großteils der jungen Generation, die umgekehrte Alterspyramide. Zu ihr möchte ich allerdings zu bedenken geben, was mich neulich eine Besuchergruppe gelehrt hat. Das waren sehr selbstbewusste Senioren aus Erfurt und dem Kyffhäuserkreis. „Ja wir sind eine Partei der Alten“ sagten sie, „aber, was wäre die Partei ohne uns – unseren Einsatz, unser Engagement. Und vergesst nicht: Wir sind viele – und wir werden immer mehr! Wenn DIE LINKE alle Alten dieser Gesellschaft, die sie dringend brauchen, an sich binden könnte: Das wären viele Prozente! Und noch eins: ob einer ein Zugpferd der Politik ist oder nicht – hängt doch nicht von seinem Alter ab!“ So weit unsere Basis.
Deshalb plädiere ich heute hier für Kontinuität. Insbesondere weil diese Kontinuität kein unreflektiertes „Weiter so“ bedeutet – und es auch um keine inhaltliche Neupositionierung auf der anderen Seite geht. Ich habe die Texte, die Knut und Steffen seit August veröffentlicht haben. Und wir haben als Thüringische Landesgruppe in der Bundestagsfraktion ja auch ein ausführliches Gespräch mit Steffen geführt. Die Programmunterschiede sind klein – mit einer Ausnahme: Steffen will entschieden mehr Kompatibilität unserer Positionen mit denen der Sozialdemokraten. Koalitionsfähigkeit forderte er an vielen Stellen ein.
Da allerdings möchte ich warnen: Nicht wir sollten uns ständig damit auseinandersetzen, ob und wie wir koalitionsfähig sind. Schon aus Selbstbewusstsein nicht und weil das gar nichts nützt! Ist eine rot-rote Koalition in Mecklenburg-Vorpommern an der Inkompatibilität der Positionen der LINKEN gescheitert? Nein, die SPD hat lieber Wählerbetrug begangen, als mit uns zusammen zu arbeiten. „Wählt uns und nicht die CDU“ heißt es vor der Wahl – und dann bekommen die SPD-Wähler die CDU in ihrer Regierung.
Also, nicht wir müssen uns koalitionsfähig machen – wir können das 24 Stunden am Tag tun und es bringt nichts – die SPD muss sich endlich ehrlich und koalitionsfähig machen! Diese Fixierung ist kein Weg für uns – in Thüringen nicht und anderswo auch nicht.
Wir sind wir – unverwechselbar für Frieden und soziale Gerechtigkeit! Und das müssen wir auch bleiben! Und zum Schluss eine Bitte: Liebe Genossinnen und Genossen, lasst keinen Riss durch unseren Landesverband gehen und stärkt dem Landesvorstand den Rücken!
Bei der Wahl zum Landesvorsitzenden ist Knut Korschewsky mit 68,4 Prozent der Stimmen wiedergewählt worden. Dazu meinen herzlichen Glückwunsch!
Steffen Harzer, sein Mitbewerber erhielt 27 Prozent der Stimmen.
Herzlichen Glückwunsch auch an die beiden Stellvertreter Susanne Hennig (80,7%) und Sandro Witt (77,8%).
Hier im Nachgang noch ein Radiobericht vom MDR.
26. September 2011 in Arbeit in Thüringen
Da kommt auf einmal Post von Kater Bukowski, dem geliebten Glanzstück des Weimarer Bürgerbüros und besten Agitator, den wir je hatten, der nun leider seinen schönen Lebensabend in Nürnberg in seiner angestammten Menschenfamilie verbringt. Aber immer noch an uns denkt! Wie wunderbar!
23. September 2011 in Arbeit in Thüringen
Samstagmorgen 5.30 Uhr, Erfurt, Benediktsplatz (der hieß auch schon früher so): Hier befindet sich die Tourist-Info der Landeshauptstadt. „Wir haben schon seit vier Uhr früh geöffnet“ erklärt die freundliche Dame hinterm Tresen. Aber eigentlich sei nichts los. Ausser ein paar Stadtplänen sei man nichts losgeworden. „Die Menschen haben heute morgen eben anderes im Kopf als Tourist-Informationen“ mutmaßt sie. Also begebe ich mich zur „Schleuse“. Dort fordert mich ein freundlicher Mann in blauer Windjacke auf, meine Eintrittskarte offen zu tragen. Meinen Einwand, ich habe keine, will einfach nur beobachten, kontert er gelassen: „Kein Problem, hier habe ich eine für sie!“. Ich bin sprachlos. Seit Wochen werden diese Karte wie Nuggets gehandelt, bei ebay versteigert. Und ich bekomme sie hier und heute einfach um den Hals gehängt. Ich kann nicht lange nachdenken, werde durch die Schleuse geschoben.
Mit der Menge wandere ich Richtung Domplatz. Hier kommt jetzt so etwas wie Festivalstimmung auf. Menschen allen Alters, Familien, ältere Paare, kirchliche Würdenträger (zumindest sehen sie so aus). Aufgeregt wird diskutiert, was sie erwartet, der eine oder andere formuliert (durchaus irdische) Ansprüche: „Fährt der Papst im Papamobil vor?“ oder „Hoffentlich gibt es auf dem Domplatz was zu essen“. Zu dieser Frage muss man wissen, dass vor der Schleuse Bäcker und kleine Restaurants geöffnet hatten. Im Bereich hinter der Schleuse jedoch sind alle gastronomischen Einrichtungen geschlossen. „Wir hätten nicht alle Lokale und Bäckereien kontrollieren können“ erklärt eine Polizistin auf Anfrage. Aha. Doch die Vorfreude ist den Menschen anzumerken. „Ich bin ganz aufgeregt, hoffentlich kann man den Papst gut sehen“ meint eine Frau mittleren Alters mit eindeutig hessischem Akzent.
Meine Frage, ob sie extra für den Papst nach Erfurt gekommen sei, hört sie nicht mehr. Sie hat einen der zahlreichen Souvenirstände entdeckt. Hier kommen auch jungen Gäste auf ihre Kosten: „Mama, bekomme ich so eine Fahne?“ ist zu hören. „Der Verkaufsrenner seien kleine Radiergummis mit dem Papst drauf“. Die Rechtschreibhilfen heissen (Achtung Wortspiel!) „Ratzifummel“. Aber auch Schirme, Halstücher, Gläser, Jacken und natürlich T-Shirts sind zu haben.
Langsam füllt sich der Platz, Kinderchöre begleiten die Zuhörer auf ihre Plätze. Damit man weiss, wo man hingehört werden kleine Zettel mit Kombinationen drauf verteilt: „E1“ oder „D2“. Danach geht’s zum entsprechenden Eingang. Auf der Bühne wird gerade der für die Organisation zuständige Baudezernent von Erfurt interviewt. Erfurt freue sich auf den Papst erklärt er, auch die Kritiker würden die Einschränkungen in der Stadt akzeptieren.
Jemand drückt mir ein „Programmheft“ in die Hand. Ich lese „Papstbesuch in Etzelsbach“. Ist das nicht das Programm von gestern? „Umdrehen“. Ah! Ein Doppelprogramm! Jetzt bin ich offenbar mit allem notwendigen ausgerüstet und bereit für den Papst. Ein Mann neben mir spricht mich an, ob ich von der Presse sei. Ehe ich antworten kann erzählt er mir, er sei extra aus Magdeburg angereist und begeistert von der Freundlichkeit und Offenheit in der Stadt. „Offenheit?“ hake ich nach, was er über die vielen Absperrungen denke? Die seien nötig und für die Sicherheit seiner Heiligkeit unumgänglich. Zustimmung von mehreren anderen um uns herum Stehenden. Ich befinde mich also unter Papstanhängern – aber das war ja nicht anders zu erwarten. Über Lautsprecher wird die Menge jetzt aufgefordert, sich in ihre jeweiligen „Sektoren“ zu begeben.
Und ich ziehe mich diskret zurück. Die Bewertung der Papstworte überlasse ich kenntnisreicheren Menschen…
Matthias Plhak, Erfurt
23. September 2011 in Arbeit in Thüringen
Freitagmorgen, 9.00 Uhr, Erfurt Innenstadt. Oder ist es vielleicht doch schon Sonntagmorgen? Auf jeden Fall ist die Innenstadt auffallend autofrei, nur wenige Fußgänger und Radfahrer. Dafür Polizei auf allen Plätzen und Kreuzungen. Die Absperrungen haben deutlich zugenommen, die Augustinerstraße, in der das gleichnamige Kloster liegt, ist abgeriegelt. Hier wird der Papst heute vormittag den mit so viel Spannung erwarteten kirchlichen Dialog führen. Die Polizisten an den Absperrungen sind noch nicht gespannt: „Wohin des Weges, junger Mann?“ werde ich gefragt. „Nein, hier geht es nicht weiter, auch nicht zum fotografieren!. Na gut, dann laufe ich weiter Richtung Domplatz.
Denn die Beschilderung dieses Weges ist ausgezeichnet, wenn auch nicht immer eindeutig. Aber auch hier ist nach wenigen Metern Schluss, kein Durchkommen mehr. Also versuche ich es auf dem Petersberg, der Festung die neben dem Domberg liegt und einen guten Blick auf den Domplatz bietet. Vor dort hatte das Morgenmagazin des ZDF heute die Vorberichterstattung zum Papstbesuch gesendet. An der Sperre vor der Bastion ist aber auch hier Endstation: „Tut mir leid, seit halb zehn gesperrt“ sagen die Polizisten die jetzt nicht mehr gemütlich neben den Fahrzeugen sondern in einer Reihe davor stehen. Es wird also langsam Ernst.
Also laufe ich Richtung Binderslebener Landtstraße, die zum Flughafen führt. Die Protokollstrecke ist autofrei und menschenleer. Alle 50 Meter stehen beidseitig Polizisten (Warum haben die keine Fähnchen dabei?), weitere 200 stehen auf eine nahegelegenen Parkplatz zum Abmarsch bereit. Die Papstmaschine sei im Anflug heißt es. Die Polizeikolonne setzt sich Richtung Flughafen in Bewegung. Der Papst kann kommen.
Matthias Plhak, Erfurt
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