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Tagebuch

Eine Woche im Iran – Mein Tagebuch, Teil 4

Vom 17. bis 22. Oktober war ich mit dem Unterausschuss Auswärtige Kulturpolitik im Iran. Über diese Woche habe ich Tagebuch geführt, das in mehreren Teilen hier veröffentlicht wird (die bisherigen Einträge sind unter der Rubrik ‚Tagebuch‘ nachzulesen).

Moloch Teheran - zersiedelte Mega-Baustelle und städtebauliches Chaos

Am Abend gibt es in der Residenz des Botschafters – einem großzügigen Bungalow im Stil des alten Kanzlerbungalows in Bonn inmitten eines großen, alten Parks (Geschenk an das kaiserliche Deutschland) – einen Empfang für Schauspieler, Schriftsteller, Musiker, Tänzer, Maler, Galeristen, Sportler, Geschäftsleute … eigentlich ein Fest. Am schönsten in dem Moment, als ein Komponist sich an den Flügel setzt und Musik improvisiert: ein Klavierkonzert des Augenblicks.

Ich treffe mich mit der Theatergruppe MANI, die schon mit großem Erfolg im Theater Mühlheim an der Ruhr 2008 aufgetreten ist. Gegründet 1994 hat sich die Gruppe dem experimentellen Theater verschrieben und 21 eigene Dramen produziert; ist in zehn nationalen und internationalen Festivals aufgetreten (Fotos verschiedener Produktionen unten). Sie arbeiten zur Zeit an einem Stück für das Teheraner-Theater-Festival im Februar 2011. weiterlesen …


Eine Woche im Iran – Mein Tagebuch, Teil 3

Teheran - ein Moloch

Vom 17. bis 22. Oktober war ich mit dem Unterausschuss Auswärtige Kulturpolitik im Iran. Über diese Woche habe ich Tagebuch geführt, das in mehreren Teilen hier veröffentlicht wird (die bisherigen Einträge sind unter der Rubrik ‚Tagebuch‘ nachzulesen).

Dann wieder im Parlament in einem noch prächtigeren Saal das Gespräch mit dem Präsidenten des Parlaments, Ali Ardeschir Larijani (Fotos unten, © Majid Asgaripour). Da geht es dann um den Umgang miteinander. „Warum beteiligt sich Ihre Kanzlerin an einer Preisverleihung für den Mann, der die Mohammed-Karikaturen gezeichnet hat, diese Beleidigung von Millionen Moslems auf der ganzen Welt?“ „Weil die Kanzlerin die Freiheit der Kunst und der Künstler für ein hohes Gut hält?“ Islamfeindlichkeit, Demokratiefeindlichkeit… Ich stelle die Frage nach dem Stellenwert des Friedens unter den Völkern. Liegt da nicht unsere wichtigste gemeinsame Aufgabe, alles zu tun, dass Konflikte nicht auswuchern in einen Krieg?

Dann spricht Peter Gauweiler von den inhaftierten Journalisten. Der Präsident sichert ihm ein 2er-Gespräch für den nächsten Tag mit Hojatoleslam Hossein Sobhaninia, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Ausschusses für nationale Sicherheit und Außenpolitik, zu. Aus diesem Gespräch heraus soll eine Lösung gefunden werden.

Danach empfängt uns Larijanis Bruder, der Vorsitzende des Menschenrechtsrates der iranischen Justiz. Schon zur Schah-Zeit hatte er diese Position inne und nun die ganze Zeit nach der Revolution. In der internationalen Presse hat er den Namen „Dementier-Maschine“ und diesem Namen macht er bei unserem Gespräch alle Ehre.
„Der Westen misst mit zweierlei Maß. Wenn wir eine Frau zum Tode verurteilen, die ihren Mann ermorden ließ, dann regen Sie sich auf. Wenn ein gleicher Fall in Amerika mit der Todesstrafe geahndet und die Hinrichtung vollzogen wird – was unternehmen Sie da? Ich arbeite seit 40 Jahren in Menschenrechtsfragen und ich sage Ihnen, auf Dauer kann auf der Welt nur leben, wer Prinzipien hat. Difference in culture is not a disease – unsere Demokratie muss konsolidiert werden. Wir wollen in unserer Gesellschaft legalen Sex fördern und illegalen Sex verhindern! Warum bestrafen wir Ehebruch so hart? Weil wir zwei Formen der Eheschließung kennen. Wenn zwei Menschen sich lieben, können sie sofort eine Ehe auf Zeit eingehen – für eine Stunde, einen Tag, eine Woche, einen Monat, ein Jahr… Sie gehen zum Mullah, der stellt einen Vertrag aus. Sie sind zusammen, ganz legal und sie trennen sich, wann sie wollen. Die andere Form ist die lebenslange Ehe. Wenn sie sich dafür entscheiden, dann darf es aber keinen Ehebruch geben. Wenn doch – ist das strafbar. Und es gibt Regionen in unserem Land, da gilt als Strafe für Ehebruch Steinigung – für Männer wie für Frauen. Ich sage Ihnen aber auch, seit sieben Jahren ist keine der verhängten Strafen vollzogen worden. …“
Er schließt seinen Monolog, der überhaupt keine Gegenfrage von uns zulässt, mit seinem schon berühmten Credo, dass der Iran das „freieste und demokratischste Land der Welt“ sei. Punktum. Claudia Roth übergibt ihm eine Liste von Verhaftungen und Verfahren, die aus unserer Sicht schwere Menschenrechtsverletzungen darstellen… an die 30 Namen. Er nimmt das Papier wortlos entgegen.


Eine Woche im Iran – Mein Tagebuch, Teil 2

Vom 17. bis 22. Oktober war ich mit dem Unterausschuss Auswärtige Kulturpolitik im Iran. Über diese Woche habe ich Tagebuch geführt, das in den kommenden Tagen in mehreren Teilen hier veröffentlicht wird.

Auf der Fahrt durch Teheran kommen wir am Theater vorbei. Dort hängen große Plakate. Was spielt man? Heiner Müllers „Hamletmaschine“.

In der provisorisch bei den Briten untergebrachten deutschen Schule, berichtet der Direktor Wolfgang Selbert, dass im kommenden Frühjahr zum ersten mal nach 30 Jahren (!) wieder acht Schüler das deutsche Abitur ablegen werden.

Danach fahren wir zur Eglise Sacré Coeur und besuchen die Sonntagsmesse. Vielleicht hundert Männer und Frauen, auch einige Kinder sind in der alten Kirche. Erzbischof Jean-Paul Aimé Gobel sagt hinterher: „Es gibt die Freiheit des Kults – aber nicht die Freiheit der Religion.“ Eine Konversion zum Christentum ist unmöglich. Christen können studieren. Ämter in der Verwaltung oder Justiz sind ihnen versperrt. Ein Christ als Richter – unmöglich! Mischehen sind eine „Tragödie“. Die Zahl der Christen im Iran nimmt ab.

Gleiches berichtet am nächsten Tag der Präsident der jüdischen Gemeinde des Iran, Siamak Marehsedegh. Er ist Arzt, leitet das jüdische Krankenhaus in Teheran und vertritt die jüdische Gemeinde auch als Abgeordneter. weiterlesen …


Eine Woche im Iran – Mein Tagebuch, Teil 1

Vom 17. bis 22. Oktober war ich mit dem Unterausschuss Auswärtige Kulturpolitik im Iran. Über diese Woche habe ich Tagebuch geführt, das in den kommenden Tagen in mehreren Teilen hier veröffentlicht wird.

Wir drei Frauen der Delegation: Prof. Monika Grütters (Mitte), Claudia Roth (r.) und ich.

Mehr Gegensätze kann es kaum geben. Natürlich ging es noch vor der Ankunft los mit den Verboten. „Wichtiger Hinweis für unsere weiblichen  Passagiere“ sagte die Stewardess durchs Bordmikro „im Iran müssen alle Frauen in der Öffentlichkeit ein Kopftuch tragen.“ In der Öffentlichkeit, bei öffentlichen Treffen, auch in Restaurants, also überall, außer in privaten Räumen oder in der Deutschen Botschaft – sechs Tage Kopftuchleben. Für Männer gelten neuerdings auch Haarschnittgebote. Keine langen Koteletten, kein Gel, keine „aufstehenden“ Haare. Sonderbarerweise sah unser Busfahrer aus wie ein orientalischer Elvis Presley. Eine Haar-Tolle wie in den frühen Jahren des Idols und Koteletten natürlich.

Land der Gegensätze
Den ersten Tag verbrachten wir vor allem im iranischen Parlament. Im spiegelglasgeschmückten Palast-Bau aus der Schah-Zeit von Reza Pahlavi 1925.

Erster Gesprächspartner war der Vorsitzende des Kulturausschusses, Haddad Adel, der eigentlich auch Ausrichter des diesjährigen UNESCO-Welttages der Philosophie in Teheran sein sollte – doch die UNESCO verlegte die Veranstaltung wegen der Einflussnahme der iranischen Regierung nach Paris. Haddad Adel, ein akademischer Philosoph und Kant-Übersetzer, der aber auch Dissidenten die „Kahrisah“ androht, Wegsperren und Folter. Für unseren Besuch findet er zunächst positive Worte, um dann sofort die Haltung Deutschlands und Europas als von Vorurteilen und Klischees gekennzeichnet anzuprangern. weiterlesen …


Reise in den Iran mit dem Unterausschuss Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik

Wann wird Auswärtige Kulturpolitik besonders wichtig? Wenn es außenpolitisch schwierig ist. Wenn sich die internationalen Beziehungen verschärfen. Wenn Bedrohungen ins Spiel kommen. Wenn gegenseitig Angst herrscht. Wenn zu befürchten ist, dass die Diplomatie abgelöst wird von Sanktionen, Drohgebärden und schlimmstenfalls das Mittel kriegerischen Handelns als ‚Lösung‘ erscheint. Wann kann die Arbeit eines Ausschusses für Auswärtige Kulturpolitik wichtig werden? Im beschriebenen Fall. Und was können Abgeordnete eines solchen Ausschusses vielleicht leisten? Gespräche vor Ort führen, Erfahrungen vor Ort sammeln, sich ein zumindest der Realität nahes Bild verschaffen.

Das also werden wir in der kommenden Woche versuchen – die vier Mitglieder des Unterausschusses Auswärtige Kulturpolitik, Dr. Peter Gauweiler (CDU/CSU), Prof. Monika Grütters (CDU/CSU), Claudia Roth (Bündnis90/Die Grünen), Günter Gloser (SPD) und ich.
Ich werde natürlich Tagebuch führen, das Tagebuch aber erst nach Ende der Reise als ‚Wochenbuch‘ hier veröffentlichen.


Zusammen sind wir doch stark: Künstlerakademie Tarabya gerettet

Heute Morgen um 9 Uhr gab Staatsministerin Cornelia Pieper bekannt, dass das Auswärtige Amt dem eindeutigen Votum des Unterausschusses Auswärtige Kulturpolitik folgt und, wie vom Bundestag einstimmig beschlossen, eine Künstlerakademie auf dem Gelände der Deutschen Botschaft in Istanbul einrichten wird – so wie 2009 geplant.

Damit ist das Lug-und-Trug-Spiel beendet. Die intensive Zusammenarbeit des Unterausschusses hat sich gelohnt. Allerdings bleibt das ungute Gefühl, dass die Regierung versucht, mit dem Parlament zu machen, was sie will. In diesem Fall hat es nicht geklappt. Man wäre naiv, wenn man annimmt, dass sich ein solcher Fall nicht wiederholen kann.


Eine Geschichte zum Tag der Deutschen Einheit, die mir nicht mehr aus dem Sinn geht

Von den hunderten „Erinnerungs-Feuilletons“ des Wochenendes geht mir eine Geschichte nicht aus dem Sinn, die unter dem Titel „Von der Sehnsucht, kein Wessi zu sein“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienen ist. Da erzählt die Autorin Merle Hilbk die Geschichte eines Trabis, der im Frühling 1988 plötzlich auf dem Hof ihrer Schule stand.

„Mit seinen runden Scheinwerferaugen sah er aus wie ein junges Tier, das sich zwischen unsere Golf Cabrios und Opel Kadetts gestohlen hatte.“

Die Autorin hatte keine Ahnung, wem er gehörte und wie er in den tiefen Westen gelangt war. Aber das spielt für die Geschichte auch keine Rolle, denn … weiterlesen …


Große Reden vs. Taten: Parlament der Bäume gegen Krieg und Gewalt

„Die schwingen alle immer große Reden, aber wenn’s drauf ankommt, kneifen sie.“ So fasste der Aktionskünstler Ben Wagin das Tauziehen um das von ihm initiierten und gepflegten Parlaments der Bäume zusammen (Berliner Morgenpost, 24.08.10).

Ben Wagin bedankt sich für die Ehrung - und hofft, dass sein 'Parlament der Bäume' doch irgendwann zum Denkmal erklärt wird und somit auch über das Jahr 2018 hinaus an dieser Stelle zu besuchen sein wird
Nach der Eröffnung werbe ich bei Kulturstaatsminister Bernd Neumann für mehr Gemeinsamkeit im Sinne dieses beeindruckenden Areals und Denkmals

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Mein Belgrad-Tagebuch, 22. bis 24. September, letzter Teil

Auch in einem großen Park liegt Titos Grab – in einem kleinen Museum, genannt das „Blumenhaus“. Diesen modernen Pavillon nutzte Tito als Arbeits- und Rückzugsort und legte in seinem Testament fest, dort beerdigt zu werden. In einem großen weißen Marmorsarkophag. Umgeben von Fotos des berühmten „Lauf der Jugend durch Jugoslawien“, der seit 1946 stets zu seinem Geburtstag in Belgrad gefeiert wurde. Viele junge Männer traf ich vor den Fotowänden an diesem sonnigen Septembermorgen. Alle verweilten für einen Moment am Grab.

Schlussgespräch beim Patriarchen der Serbisch-Orthodoxen Kirche. Zunächst stand uns sein Vertreter Rede und Antwort. Ja, die Zuwendung zur Religion sei wieder stark geworden. Es gäbe jetzt auch Religionsunterricht in den Grundschulen. Nein, er glaube nicht an einen baldigen Rückgang der Gläubigkeit wie in Italien oder Spanien. Die serbische Kirche setzte ganz auf die Botschaft des Friedens der Seele und des Friedens unter den Menschen. Und auch auf Gerechtigkeit. Zitat: „Die Menschen sind nicht nur Demokraten – sie wollen auch Gerechtigkeit.“
Dann kommt der Patriarch zum Gespräch. Jetzt geht es wieder um Kosovo. Am 3. Oktober wird er inthronisiert – in Pec – dem großen Heiligtum – auf dem Boden Kosovo. „Ich bin gedemütigt“, sagt seine Heiligkeit. „Ich muss in ein anderes Land, obwohl Pec die Wiege, das Herz, das Kernland Serbiens ist.“ Der Vorwurf Europa gegenüber ist unüberhörbar.

Unsere Delegation: Tabea Rößner, Lars Lindemann, Brigitte Zypries, Wolfgang Wieland, Ausschussvorsitzende Prof. Monika Grütters und Cornelia Beek, Leiterin des Ausschusssekretariats (v.l.n.r.)

Wer kann da Frieden stiften?

- Das Land ist genug bestraft!
- Die Menschen sind nicht nur Demokraten, sie wollen auch Gerechtigkeit!
- Wie lebt ein Land ohne sein kulturelles Herz?

Auf dem Weg zum Flughafen kommen wir nochmal an den gläsernen Hochhäusern und vielen Baustellen vorbei, am Straßenrand sitzen alte Frauen und bieten Astern- und Dahliensträuße an – in den glühendsten Herbstfarben dunkelrot und lila.

DIESE VERWIRRENDE GLEICHZEITIGKEIT …

Zu Besuch im Serbischen Parlament - ein Bau aus dem Jahr 1934

Belgrad - eine kriegsverletzte Stadt


Mein Belgrad-Tagebuch, 22. bis 24. September, Teil 3

Und dann befanden wir uns plötzlich in Operettenland. Ihre königlichen Hoheiten Kronprinz Alexander II und Kronprinzessin Katharina luden in den königlichen Palast zu einer Ausstellungseröffnung. Beli Dvor, der „weiße Palast“, liegt in einem großen Park und wurde zwischen 1924 und 1929 im klassischen Landhausstil erbaut. Außen weißer Marmor, innen Salons im Barock- oder Renaissancestil. Nun ist ja Serbien eine Republik, aber seit 2001hat laut Veröffentlichung des königlichen Büros „die königliche Familie Serbiens offizielle und private Residenzen in Belgrad und den Provinzen.“

Verwirrende Gleichzeitigkeiten.
Kronprinz Alexander ist Abkomme der rund 200 Jahre alten Karadjordje-Dynastie, die in einer Abfolge von Kriegen, Putschen, Attentaten und der Absetzung 1945 „überlebt“ hat. Der jetzige Kronprinz Alexander zum Beispiel wurde im Juli 1945 in London geboren, in einem Zimmer des noblen Claridge’s Hotels – auf „jugoslawischem Boden“.  weiterlesen …


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