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Tagebuch

Tagebuch Griechenlandreise Teil III

4. und 5. Tag,
9. und 10. Dezember, Thessaloniki

Das ist eine weiße Stadt am Meer mit Römerpalast, byzantinische Kirchen, Jugendstil und Art-Déco-Häusern.

Schon zu hellenischer und römischer Zeit war dies auch eine Stadt der Juden. Bevor die Nazis nach Thessaloniki kamen, waren 40 Prozent der Bewohner jüdisch, die meistern von spanischen Vertriebenen stammend. Fabriken, Zeitungen, der Hafen, die Bank von Saloniki waren in ihrem Besitz, die schönsten Villen, Krankenhäuser, Schulen, Einrichtungen für Kinder und Friedhof so groß wie mehrere Fußballfelder. 20.000 jüdische Mitbürger hatte die Stadt als 1942 die Deutschen einmarschierten. Alois Brunner wurde Herr über Leben und Tod.
Das gesamte Memorandum der Jüdischen Gemeinde von Thessaloniki können sie [HIER] einsehen.

Für die Akten der Geschichte:
Alle 20.000 jüdischen Bürgerinnen und Bürger von Thessaloniki wurden in 19 registrierten Güterzügen nach Ausschwitz transportiert – nachdem ihnen alles, was ihnen gehört hatte, abgenommen wurde. Nur vier Prozent von ihnen überlebten. Der Jahrhunderte alte riesige Friedhof wurde planiert. Wir waren am Holocaust-Mahnmal. Wir waren im jüdischen Museum, das so gut es geht, den Glanz und das Grauen des jüdischen Lebens in Thessaloniki dokumentiert. „Erzählen Sie unsere Geschichte“, bat einer der Archivare.
Wir waren auch in der Evangelischen Kirche Deutscher Sprache. Sie wird geleitet von Pfarrer Dr. Michael Führer, einem Bruder des berühmten Wende-Pfarrers in Leipzig. Kirche ist ein großes Wort. Es handelt sich um zwei größere Räume in einem Geschäftshaus. Einer davon mit kleiner Altarnische. Pfarrer Führer sprach von den zunehmenden Problemen alter „Heimkehrerinnen“ – Ehefrauen griechischer Gastarbeiter. Armut. Einsamkeit. Und dann: Zunahme von Armut überall – in der Stadt – in den Regionen, für die er auch zuständig ist. Eine halbe Sozialarbeiterinnenstelle kann diese kleine Gemeinde sich leisten – sie finanziert sie allein aus Einkünften des Weihnachtsbasars, der in der ganzen Stadt so beliebt ist. Pfarrer Führer hat sich schriftlich bei uns für unseren Besuch bedankt – Zitat: „Das hilft uns ein wenig gegen das Gefühl, an etlichen Stellen ziemlich allein zu kämpfen.“
Es gab auch lustige, fast groteske Erlebnisse in Thessaloniki. Zum Beispiel der Besuch beim Vizeperipheriarch für Zentralmakedonien Apostolos Tzitzikostas. Wir sind vorgewarnt worden vom Generalkonsul. Hier gäbe es politische Ungereimtheiten. Der langjährige Chef der Behörde sei abgewählt worden, tauche aber bei jeder Gelegenheit immer noch auf. Und so war es dann in der Tat: wir waren mitten im Gespräch mit dem neuen Politiker, einem jungen, vielsprachigen äußerst gewandten ehemaligen Abgeordneten als die Tür aufsprang – ein kleiner, alter Herr im dunkelblauen Blazer mir Goldknöpfen hereinstürmt, Buchgeschenke in einem Beutel und einen Fotografen im Schlepptau, sich vor seinem Nachfolger und unserer Delegation postierte – Fotos machen ließ – und wieder verschwand – wie ein Spuk bei „Harry Potter“. Viel ernsthaftes Interesse für die „Probleme und die Chancen der Region“ blieb da nicht mehr übrig.
Im Rathaus – in einem extrem eleganten Salon mir alten Möbeln, Bildern und Liliensträußen mit Blick aufs Meer informierte uns ein junges internationales Team des Bürgermeisters über die neue Zeit: 50 Prozent Schuldenabbau, 15 Prozent Personaleinsparungen, aber Ryan Air als neue Fluglinie und neue Formen des Tourismus. Perspektiven dieser Stadt mit Tourismusmesse etc.
Ob das alles so einleuchtend funktioniert wie geschildert? Am nächten Tag standen wir am Forum Romanum, einer der Weltkulturerbestätten der Stadt. Unterhalb liegt das neue Museum, jahrelang erbaut, aber jetzt geschlossen, weil die Stadt die Wärter-Stellen eingespart hat.“ Die Byzantinischen Kirchen zum Teil aus dem 5. Jahrhundert sind weitere Wunderwerke dieses Landes. Da gibt es einen Mosaik-Christus in einer Kugel aus Licht von einem Regenbogen, der schwebt zwischen Himmel und Erde völlig aus der Zeit, aller Zeit.
Das Kirchlein selbst ist grau und klein zwischen den alten Türkenhäusern in der Oberstadt. Ein Weinstock im Garten und eine Terrasse, von einer alten Frau gehütet und bewacht, die Katzen feuerrot und tigerig um sie herum.
Abschluss auch hier eine Kunstbiennale. Ganz anders als in Athen. Mitten im modernistischen Messegelände – im Mazedonischen Museum, das in Wirklichkeit das Museum für zeitgenössische Kunst ist – Andy Warhole, Niki de Saint Phalle, Tinguely und dann die griechischen Großmeister dazu wie Pavlos mit seinen Multiplen Skulpturen aus Holz. Es waren leider nur noch ein Bruchteil der Zeit übrig, die ich benötigt hätte, aber eines war auch so auszumachen: Moderne Kunst in dieser uralten Stadt lebt und hat ihren eigenen Platz erobert.
Wie hatten die Abgeordneten im Athener Parlament gesagt „Wir haben die Kultur- andere Länder haben Industrien, Hochtechnik, Wissenschaft – wir haben die Kultur und mit ihr werden wir stehen oder fallen.“


Tagebuch Griechenlandreise Teil II

2. und 3. Tag,
7. – 8. Dezember

In der Botschaft, einem hässlichen Betonbau an zentraler Athener Stelle trafen wir die sogenannten deutschen „Kulturmittler“ – also den Chef des Goethe-Instituts und den des deutschen akademischen Austauschdienste DAAD, einen evangelischen, einen katholischen Pfarrer, den Leiter der deutschen Schule und sein „Gegenpart“ den Leiter eines Imperiums von kommerziellen Deutschlehrern u.a.
Krise? „Wir merken nichts“ sagt „Goethe“.
„Wir schon“ sagt die Deutsche Schule. „Es melden sich Eltern, die das Schulgeld so nicht mehr zahlen können – nicht griechische Eltern – sondern deutsche, deren Firmen schwere Einbußen verzeichnen…“ Die Pfarrer berichten von zunehmender Konfrontation mit Armen, Obdachlosen und dem Heer der Illegalen in der Stadt…
Audienz beim Erzbischof von Athen und Griechenland, Ieronymos, in seinem bunt ausgemalten Stadtpalast. Er hat unter anderem in Regensburg studiert, Vorlesungen bei Prof. Ratzinger gehört. Er beklagt die Probleme des Landes: Armut, Zerbrechen der Familien, Verwahrlosung der Kinder. Er kritisiert das „Regime des Geldes“. Deutsche Banken nähmen Kredite für 1 Prozent bei der Europäischen Zentralbank auf und geben sie für 7 Prozent oder mehr an Griechenland weiter, treiben das Land damit systematisch in seine Verschuldung…
Täglich gäbe die Kirche nun 12.000 Armenspeisungen aus.
Hunderttausende Zuwanderer lebten in Griechenland auch von Raub und Diebstahl. Die EU ließe Griechenland mit diesem Problem allein. Auch die Kirche müsse sich kritisch überprüfen.

Im Parlament – bei den Abgeordneten des Kulturausschusses und beim Parlamentspräsidenten Petsalnikos.

Ich komme nicht umhin die vielen Vorzimmer und Vor-Vorzimmer zu zählen bei unseren Wegen durch das Parlament. Die Zimmertüren zu den langen Korridoren, die übrigens alle mit erlesenen Gemälden der verschiedenen Epochen geschmückt sind, stehen meistens offen und erlauben Einblick. Zwei, drei manchmal vier Schreibtische sind besetzt. So viele Beamte oder staatliche Angestellte. Auch soviel nette Bewirtung. Kaffee bringen die Einen, Wasser die Anderen, Akten die Dritten, Geschenke die vierten. Überall gibt es auch Sicherheitsleute. Es herrscht sicher ein Überfluss an Personal. Aber was wäre, wenn ein Teil oder Teile dieses Personals nun arbeitslos würde? Wo sollten diese Männer und die vielen Frauen Arbeit finden? In welchen Firmen und Betrieben?
20.000 Beamte sollten in den vorzeitigen Ruhestand, schreiben die Zeitungen. Aber nur über 600 sind freiwillig gegangen – die ältesten. Wer bietet hier eine Lösung an, die gerecht und human ist?

Der Parlamentspräsident erzählt uns von seiner Kindheit. Aufgewachsen ist er in Nord-Griechenland – fast schon an der bulgarischen Grenze. Dort hat die deutsche Besatzungsmacht in den Dörfern gewütet, gebrandschatzt, gemordet…
Dann kommt er auf die Zwangsanleihe zu sprechen. 10 Millionen Drachmen haben die Deutschen den Griechen abgenommen – zur Finanzierung der Besatzung. Heute ist das viel Geld. „Wie heißt es: Anleihen müssen bedient werden! Vergessen Sie das nicht.“

Die Kolleginnen und Kollegen vom Kulturausschuss, eine Schauspielerin und ein Schauspieler darunter, setzen auf Kultur und Kulturaustausch als Wege in die Zukunft. Sie warnen allerdings auch: „Wehe, wenn die kulturelle Zusammenarbeit zusammenbricht, dann stehen wir vor einer großen Gefahr.“ Theater schließen oder stehen vor der Schließung. Filme werden kaum mehr produziert. Es gibt die Frage: „Können wir nicht mit Ihnen eine Konspiration eingehen in dem Sinn, dass wir erklären: Nicht auf die Wirtschaft, sondern auf unsere Völker kommt es an?“ weiterlesen …


Tagebuch Griechenlandreise Teil I

1. Tag, 6. Dezember 2011.

Nikolaus Tag bei uns, in Athen aber der Tag, an dem an ALEXANDROS GRIGOROPOULOS  gedacht wird, einen Schüler der 2008 von einem Polizisten erschossen wurde. Ein Märtyrer der jungen Generation. Und diese junge Generation legt jetzt, drei Jahre später, die Innenstadt lahm – mit großen, beeindruckenden Demonstrationen der Erinnerung. Schwarz ist die Umgebung des Parlaments von Polizei-Präsenz. Gepanzerte Fahrzeuge, Hundertschaften in schwerer Montur. Eine Innenstadt im Polizeigriff. Auch der Auto-Konvoi der deutschen Botschaft unter Polizeischutz kommt nur schwer voran. Aber immerhin, es gelingt dem Gesandten und mir ins Herz der Innenstadt vorzudringen, zur AB 3 – der Athener Biennale Nr. 3 in der Diplareios Schule. Drei Minuten vom Rathaus entfernt, aber mitten in einem Geister-und-Elendsviertel, in dem man fast nur illegale Zuwanderer aus Afrika, Afghanistan und Pakistan sieht.

Drogenhändler, Prostituierte, Verwahrlosung hoch drei. Was vielleicht sogar passt zu AB3, dem letzten Teil der Trilogie unter den Titeln „Zerstört Athen“ 2007 und „Himmel“ 2009 – jetzt also unter der Überschrift „MONODROME“.

Der Ort: ein riesiges Gebäude der Bauhaus-Architektur, das einmal Ingenieur-Schule, dann Berufsschule der Kunsttischler war und vor Jahren aufgegeben und einfach verlassen wurde. Wie schreiben die Kuratoren der Biennale?

„MONODROME“ ist entstanden trotz der Krise, die Griechenland jetzt so heftig schüttelt. Hergestellt in einer Notsituation – und durch die synergetische Kraft der Künstler und vieler ehrenamtlicher Helfer. Ohne Geld gewissermaßen. Die Ausstellung stellt alles in Frage, was die Stadt bisher ausgemacht hat, denn Athen ist heutzutage das Epizentrum griechischen Widerstands, ein Ort massiven Protestes und öffentlicher Diskussion…“ weiterlesen …


Tagebuch – Zurück in Berlin

Bin wieder im Geschirr zurück, also in Berlin. Die erste Aufgabe neben dem Abstimmen von Papierhalden ist das Gespräch mit einer Besuchergruppe der Jugendkunstschulen in Thüringen. Eine besondere Gruppe. 49 Kunstinteressierte. Am Malen und Zeichnen Interessierte, die sich „Freizeit“ im Besuchsprogramm auserbeten haben, damit sie in Berlin malen und zeichnen können  – an auserwählten Orten. So etwas hatten wir noch nie – und deshalb ist es besonders interessant und spannend. Hoffentlich bleibt beim Gang durch den Reichstag auch Zeit für die Kunstwerke dort. Sie sind ja eine Ausstellung für sich. Ich jedenfalls freue mich ganz besonders den jungen Besuchern die Kunstwerke in unserem Fraktionssaal zeigen zu können – sie sind die erste Gruppe, die sie sehen wird.

Vielleicht kommt demnächst ja auch ein Blatt ins Berliner Büro als Erinnerungszeichen, das könnte dann sofort an dieser Stelle werben und wirken.


Tagebuch 5. Oktober 2011: Jetzt reicht´s!

In der Flut der Zeitungsartikel, die sich mit einem „Lafontaine-Comeback in der LINKEN“ befassen, fallen zunehmend Altersangaben auf.

Oskar Lafontaine - Wahlkampfauftritt in Berlin September 2011
Oskar Lafontaine - Wahlkampfauftritt in Berlin September 2011
Gregor Gysi -                  Wahlkampfauftritt in Berlin September 2011
Gregor Gysi - Wahlkampfauftritt in Berlin September 2011

 

 

 

 

 

 

Lafontaine heute 68, 2013 70 Jahre; Gysi „nur ein paar Jährchen jünger“ heißt es da – und dann prasselt es Zitate:

-         „ein zukunftsträchtiges Konzept muss anders aussehen…“
-         „das lässt die LINKE „alt“ aussehen…“
-         „da können wir gleich zu Hans Modrow zurückkehren“ usw.

Ich finde es empörend. Ja, ich bin 75 Jahre alt, und empöre mich darüber, dass eine Alterszahl zum Kriterium für erfolgreiche Politik gemacht wird, anstelle von Können, Wissen, Charisma…
Wer hält die großen Reden, füllt die Marktplätze, schreibt die glänzenden Analysen? Ein 68-jähriger! Das darf nicht sein. Wer hat als einziger das Können, die Autorität – ja den politischen Glamour, der überlebensnotwendig ist in einer Mediendemokratie? Ein 64 jähriger! Das geht doch nicht.
Das ist doch kein zukunftsträchtiges Konzept – Ist es das wirklich nicht? Clara Zetkin, hilf! Als wäre das Lebensalter ausschlaggebend für politischen Erfolg. weiterlesen …


Tagebuch: Was ist eigentlich mit der dritten Koalition?

Alle reden von zwei Koalitionsmöglichkeiten rot-schwarz oder rot-grün.

Rein rechnerisch ginge doch auch rot-rot mit den Piraten. Das wäre doch politisch etwas ganz interessantes: Fortsetzung der verlässlichen rot-roten Koalition und frischen neuen politischen Wind durch eine junge Partei, die ganz andere Ideen und Vorstellungen einbringt. In einer der Wahlanalysen sagte der Chefredakteur des Spiegels, Georg Mascolo, „Klaus Wowereit ist immer für eine Überraschung gut“. Er meinte allerdings die Überraschung rot-schwarz, eine abgegriffene Überraschung. Niemand redet von der dritten Möglichkeit einer Koalition. Das ist typisch für unseren eingefahrenen Politikbetrieb. Man könnte doch wenigstens miteinander verhandeln. Kann ja sein, dass die Piraten auf keinen Fall eine Regierungsbeteiligung anstreben. Kann ja sein, dass sich inhaltlich keine Möglichkeit der Zusammenarbeit ergibt. Aber woher weiß man das, wenn man nicht miteinander spricht und verhandelt. Der erfolgreiche Sozialdemokrat Wowereit jedenfalls, hätte die Chance ganz neue politische Wege in der Hauptstadt zu gehen und die junge Generation mit ihren Ideen in die Politik einzubinden.
Eine Chance, die sich auszuloten lohnen würde!


Papstrede: „Was unter Menschen rechtens ist?“

Schöne Worte. Hehre Begriffe. Im Mittelpunkt: Gerechtigkeit. Appell an die Politiker: Ihr Erfolgsmaßstab sei die Gerechtigkeit. Großer Schwenk über die Zuhörenden und ich frage mich, was denken die jetzt, die Hartz IV erfunden haben, die die Schwarzgeldbesitzer in der Schweiz schonen und den Ladendieb strafen, die Kinder in Armut aufwachsen lassen und Kriegsmandate verlängern und verlängern? Was denken sie jetzt, wenn sie artig zuhören. „Dem Unrecht zu wehren bleibt Aufgabe“, sagt der Papst. Gut und schön aber wie machen wir das? Ja, das Gute vom Bösen unterscheiden, aber wer tut das? Gibt uns der Papst da Anhaltspunkte? Nein! Auch wenn jetzt ein interessanter rechtsphilosophischer Diskurs folgt, er gibt uns insofern keinerlei Anhaltspunkte, weil er ganz einseitig von sich ausgeht, als dem, der da postuliert, zu uns, die diese Postulate zu befolgen haben.

Gerechtigkeit, Moral – wer redet da? Ein über jeden Zweifel erhabener Priester – ohne Selbstbezug. Aber es gibt den Dialog nicht, den ich mir erhofft hatte. Eine ganz einseitige Sache blieb diese Rede – schöne Worte, hehre Begriffe – Lehrformeln.

Missioniert hat der Papst mit dieser Rede gewiss nicht. Das hat allerdings auf eine nicht hinnehmbare Weise ausgerechnet Bundestagspräsident Norbert Lammert getan. Mit seiner Aufforderung an den „deutschen Papst“, 500 Jahre nach der Reformation alles zu tun, um die Spaltung der christlichen Kirche aufzuheben. Eine religiöse Anmaßung im von der Religion freizuhaltenden parlamentarischen Raum. Das will er vielleicht, ich will das nicht. Ich bin Protestantin. Ich will nicht zurück zu „einer katholischen Kirche“. Wer gab dem Bundestagspräsidenten das Mandat zu dieser Rede im Parlament? Das war glatter Missbrauch seines Amtes. Hat das keiner gemerkt oder will das niemand wahrhaben? Eigentlich ein unerhörter Vorgang.


Medienbeobachtung am Mittwoch, dem 07.09.2011 von der Urteilsverkündung in Karlsruhe bis zur Haushaltsbundestagsdebatte

Ich liege im Krankenhaus unter einem Fernseher alter Bauart, der den Sender Phoenix nicht enthält. Insofern war ich am Mittwochvormittag ziemlich deprimiert. Angewiesen auf Ticker Meldungen das Urteil von Karlsruhe und die Bundestagsdebatte betreffend.

Die Richter des Bundesverfassungsgerichts

ARD und ZDF zeigten Kochsendungen ohne Ende. Mir fiel die wiederholte Kritik des Bundestagspräsidenten Lammert an dieser Art von Programmgestaltung ein. Umso größer dann die Überraschung, dass anstelle der 10.00 Uhr HEUTE  Nachrichten, LIVE aus Karlsruhe übertragen wurde, einschließlich eines sehr aufschlussreichen Hintergrundgespräches des Korrespondenten Bräutigam mit dem Verfassungsexperten, Prof. Klein. Und ich traute meinen Augen nicht, als Laufschriften nacheinander ankündigten: BRISANT entfällt – die heilige Publikumskuh der ARD – sowie das „Glück dieser Erde“ und selbst ein Teil des Mittagsmagazins. Dafür informative Gespräche von Ulrich Deppendorf mit Abgeordneten des Haushaltsausschusses Bosbach und Schneider – und sogar mit Gregor Gysi, kaum zu glauben. Und anschließend die vollständige Bundestagsdebatte zum Kanzlerhaushalt, die immer eine Art Generalabrechnung mit der Leistung der Regierung ist. Es sollte die wichtigste Rede der Kanzlerin sein, hieß es im Vorfeld. Es war dann ihr übliches Mantra – bestätigt durch das Karlsruher Urteil wolle sie so weiter machen wie bisher.

Gregor Gysi

Nix neues unter der Kuppel des Reichstags. Gregor Gysi kam anschließend zu Wort – Kanzlerin, Minister, prominente Politiker der anderen Fraktionen hatten ostentativ anderes zu tun, als zuzuhören.

Die Kameras zeigten dies anschaulich und machten damit ein Stück parlamentarische Unkultur deutlich. Gysi zeigte die Positionen der Linken auf, die im Nachhinein vollkommen unstrittig immer die Richtigen waren, von Anfang an, wenn es um Euro und Europa ging.

Das dies den anderen missfiel, ist kein Wunder, aber es kam in diesem Moment ganz eindeutig und klar zum Vorschein. Das waren seltene politische Stunden im öffentlich-rechtlichen Programm. Hoffentlich gibt es bald mehr davon. Ich bin gespannt auf die Einschaltquote.

Aktueller Nachtrag: BUNDESTAG LIVE hatte einen Marktanteil von knapp 10%!


Tagebuch: Medien-Beobachtung beim Sonntag-Wahlabend

Ein Krankenhausbett ist ganz gut als Beobachtungsposten geeignet. War das wieder ein Ausgrenzungstheater DIE LINKE betreffend am Sonntagabend in den öffentlich rechtlichen Sendern.
Leider hatte ich keine Stoppuhr, sonst könnte ich jetzt die Sekundenschnipsel summieren, die Helmut Holter sehen und hören ließen, den Spitzenkandidaten der Partei, die immerhin Platz 3 einnimmt.
Minutenlang durfte sich der Wahlverlierer Lorenz Caffier unter anderem bei seiner Frau und der CDU Landesgeschäftsstelle – in dieser Reihenfolge – bedanken.
Schalten zu den Grünen immer wieder. Stimmungsberichte von den Parteistandorten hin und her, wenn es zur Linken ging, war die Zeit leider zu Ende.
Allerdings war das Linksparteiambiente mit Jagdtrophäen an der Wand in einem Wirtshaus auch nicht gerade eine Augenweide.
Wohlgemerkt, dass dem Wahlsieger Erwin Sellering an einem solchen Abend der größte Raum eingeräumt werden muss, ist selbstverständlich. Auch ist natürlich der Absturz der CDU und FDP journalistisch besonders interessant und auch der Einzug der Grünen zum ersten Mal in den Landtag Mecklenburg-Vorpommerns weckt das journalistische Interesse in besonderem Maße. Aber wie die Linke behandelt wurde – eigentlich nur in Fragen an den alten und neuen Ministerpräsidenten. ob er denn an eine Koalition mit den Linken denke, war skandalös. Auch die wiederholten Einordnungen die Linke wäre da geblieben, wo sie vorher schon war – von Zugewinn kein einziger Satz! Und in der Berliner Runde der ARD konnte CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt unwidersprochen von den „demokratischen Parteien“ im Gegensatz zu den „Radikalen“ reden – und damit waren wir gemeint. Dem Chefredakteur des Hauptstadtstudios fiel sowas gar nicht auf und nichts dazu ein.
In der Ankündigung des Fernsehprogramms in der FAZ waren übrigens in der Berliner Runde als Gäste angekündigt: Alexander Dobrindt (CSU) und Hermann Gröhe (CDU). Von den Wahlsiegern in Mecklenburg-Vorpommern keine Ankündigungsspur.
Aber: Es wird den Medien trotzdem nicht gelingen, uns zur Un-Partei zu machen, wenn wir so kämpfen wie in Mecklenburg-Vorpommern und so auftreten wie Dietmar Bartsch, Helmut Holter, Caren Lay und Gesine Lötzsch zusammen an diesem Sonntagabend, auch wenn es nur in Sekundenschnipseln zu sehen und zu hören war.


Tagebuch: „Hat die Linke nicht am Ende Recht?“

Zwei geradezu historische Zeitungsartikel erschienen am Wochenende des 13./14. August zur weltweiten Finanzkrise.

Erstens: In der Welt am Sonntag Michel Friedmans Reportage aus dem Handelssaal der Privatbank Hauck&Aufhäuser und von der Frankfurter Börse unter dem Titel „Im Auge des Hurrikans“. Da erklären Aktienhändler ganz offen: „Auch wir verstehen die Welt des Geldes nicht mehr“ – und dealen dann ungerührt weiter: 15.000 Aktien einer chinesischen Firma, 100.000 Aktien des Telekommunikationsunternehmens Freenet. Kaufpreis 7, 80 Euro – zwei Stunden später ist die Aktie 8, 015 Euro wert. Wieso? Warum? „Gerüchte, Gerüchte…“  sagen die Experten – und sie sagen auch, was ihnen so richtig Spaß macht an ihrem Job „Siemens handeln, das kann doch jeder. Aber illiquide Firmen zu traden, das ist Kür.“ Und sie bestätigen: „Niemand versteht nix, aber alle tun so als ob.“

In der Börse sagt ein „alter Hase“: „Die Banken haben nichts dazu gelernt und verhalten sich wieder wie vor der Krise … Die Menschen können den Hals nicht vollkriegen.“ Das ist eine Momentaufnahme und Innenansicht der Finanzwelt Frankfurt am Main von der zweiten Augustwoche 2011. Dazu passt auf geradezu unheimliche Weise:

Zweitens der analytische Artikel von Frank Schirrmacher in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung unter dem Titel „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“ – im bürgerlichen Lager werden Zweifel immer größer, ob man richtig gelegen hat, ein ganzes Leben lang.

Der Titel ist ein Zitat des erzkonservativen Journalisten Charles Moore ( Thatcher-Biograf ), der im „Daily Telegraph“ der letzten Woche kommentierte: „Es hat mehr als dreißig Jahre gedauert, bis ich mir als Journalist diese Frage stelle, aber in dieser Woche spüre ich, dass ich sie stellen muss: hat die Linke nicht am Ende recht?“

Und er präzisiert: „Manche Leute glauben, ich meinte, Labour habe recht. Davon rede ich nicht. Ich rede von linken Ideen…“. Und Schirrmacher stellt an den Anfang seines Artikels den bemerkenswerten Satz: „Ein Jahrzehnt enthemmter Finanzmarktökonomie entpuppt sich als das erfolgreichste Resozialisierungsprogramm linker Gesellschaftskritik. So abgewirtschaftet sie schien, sie ist nicht nur wieder da, sie wird auch gebraucht.“

Das fanden wir schon lange – jetzt tröstet es nicht, dass wir recht hatten – aber wir bleiben bei unserer Kritik und setzen darauf , dass immer mehr Menschen sie nicht nur nicht mehr für falsch halten, sondern für richtig.


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