Predigt zum Reformationsgottesdienst in der EVANGELISCHEN ERLÖSER-KIRCHENGEMEINDE am 1. November 2009
02. November 2009 in Tagebuch
Der Anfang oder die Apostelgeschichte
Gestern telefonierte ich mit einem befreundeten katholischen Theologen, der bis vor kurzem einen hohen Posten in der ARD, also beim öffentlichen Fernsehen des Ersten Programms innehatte. Er meinte, mit der evangelischen Kirche sei es wohl schon ganz schön weit gekommen, wenn Sie nun sogar Leuten der LINKEN das Wort zum Sonntag übergäbe. Und dann gab er mir – ungefragt – den Rat, ich solle am besten mit der Apostelgeschichte anfangen, da wäre ja alles enthalten, worüber jemand wie ich zu einer Kirchengemeinde sprechen wolle: Gleichheit, Gerechtigkeit, Armut… Das war mir bekannt und ich denke, Ihnen ist das erst bekannt – und deshalb lassen wir das als eine Anregung, ein kurzes Vorwort.
Und ich beginne mit einer persönlichen Geschichte, die viele Jahre zurückliegt, in der es um den Verlust des Glaubens geht und die Angst und die leere, die diesen Verlust auslösen kann.
1988 lebte und arbeitete ich in London als Fernsehkorrespondentin der ARD. An einem glühendheißen Juli tag ging ich an einem U-Bahn-Ausgang der Oxford Street vorbei, als ein älterer Mann direkt neben mir in der Menschenmenge zu Boden sank, nicht fiel, nicht stürzte – zu Boden sank. Die Menschenmenge hielt an und es bildete sich ein Kreis um den am Boden Liegenden. Ich weiß noch, dass ich seine Aktentasche nahm und sie unter seinen Kopf legte. Ein junger Mann prüfte den Puls des Reglosen. Eine ältere Frau knöpfte sein Hemd auf, löste den Gürtel. Und ein junges Mädchen kniete sich neben ihn und begann zu beten. Ruhig und langsam das „Vater Unser.“ Sie kniete einfach dicht an seiner Seite und betete. Dann kam ein Notarztwagen, es kam Polizei. Das Stück Straße um den Liegenden wurde abgesperrt, wir wurden weggeschickt. Das junge Mädchen stand auf und ging mit der Menschenmenge davon. Wie ich auch, wobei mich das Bild der jungen betenden Frau neben dem ganz offensichtlich von einer Minute zur anderen Gestorbenen nicht los ließ. „Vater Unser“ wiederholte ich „der Du bist im Himmel…“ Und kam nicht weiter. So stimmte der Text doch auch gar nicht. Das hieß doch anders. Aber wie hieß es? Ich erschrak. Konnte ich noch nicht einmal mehr das „Vater Unser“ beten? Aber tausende Mal gedacht und gesagt – mit der Mutter abends vor dem Einschlafen, ganz früh und später dann in Nachtstunden und Augenblicken der Angst – vor Prüfungen, in entscheidenden Alltagssituationen, in Kirchen natürlich auch, bei Gottesdiensten – aber auch außerhalb der Rituale. Und jetzt? Jetzt bringe ich die Worte, die Sätze auf einmal nicht mehr aneinander! Immer wieder versuchte ich es „Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern und verführe uns nicht zum Übel, sondern erlöse uns…“ So konnte es auch nicht stimmen!! Ich hatte das „Vater Unser“ verloren! Eine schreckliche Gewissheit, eine Gewissheit zum Verzweifeln.
Hinter der Oxford Street liegt Soho Square, ein uralter Platz. Soho Square überquerte ich immer auf dem Weg ins ARD-Studio. Jetzt fiel mir auf, dass der Platz drei Kirchen hat und ihre Portale weit geöffnet waren. Ich ging in die nächstgelegene Kirche. Sie war leer, vollkommen still, ich suchte nach einem Gebetbuch, fand ganze Stapel von ihnen auf den hinteren Bänken. Ich begann zu lesen; „Our father – thou art in Heaven..“ und Wort für Wort aus dem englischen setzte sich das „Vater Unser, der du bis im Himmel“ geheiligt werde Dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe, wie im Himmel also auch auf Erden“ wieder zusammen. Ich schrieb mir die Sätze auf und ich nahm mir vor, von nun an das „Vater Unser“ jeden Tag zu beten, damit mir es nicht wieder verloren ginge, in Vergessenheit gerät. Ich verspürte eine tiefe Angst. Warum eigentlich. Ich war zu dieser Zeit kein besonders der Kirche verbundener Mensch. Ich war 1972 aus der Evangelischen Kirche in Hamburg ausgetreten, weil mich die damalige Synode so schwer enttäuscht hatte, die über die Berufung von Frauen ins Pfarramt beriet und sie per Beschluss verneinte. Damals dachte ich: diese Kirche will Dich als Frau einfach nicht voll annehmen – also hast Du in ihr auch nichts zu suchen. Die Konsequenz war der Austritt. Auf meinem Glauben allerdings hatte der Austritt keinerlei Auswirkung. Ich hielt mich für einen gläubigen Menschen, eine Protestantin. Seit der Kindheit gehörte Glauben, Hoffen auf einen christlichen Gott, Sehnsucht nach Metaphysischem zu meinem Leben. Das hatte mit meinen Eltern zu tun. Meine Mutter war eine fromme Frau, gläubige Lutheranerin – so nannte sie sich selbst. Mein Vater war Atheist. Das führte dazu, dass meine Eltern oft über Glaubensfragen stritten – ungefähr in diesem Stil. „Wie kann, ein Mensch nur an nichts glauben“ sagte meine Mutter. „Wie kann ein Mensch nur so dumm sein und sich an eine Religion hängen, wo doch klar ist, wie viel Elend und Gewalt, Unglück und Grausamkeit durch die Religionen unter die Menschen gebracht worden ist“, sagte mein Vater. Wenn meine Mutter keine Argumente mehr hatte in diesen Streitgesprächen, postulierte sie. „Ich lass mir meinen Luther nicht nehmen!“ Sie sagte „Luther“ – nicht „Glauben“.
Ich lass mir meinen „Glauben“ nicht nehmen hätte ich eher verstanden – „Luther nicht nehmen“ – darunter konnte ich mir wenig vorstellen. Aber abgesehen davon, verfolgte ich die Auseinandersetzungen meiner Eltern über Religion mit größtem Interesse. Und das hatte wiederum etwas mit der Zeit meiner Kindheit zu tun – der Kriegszeit. Ich war 3 Jahre alt, als der Krieg ausbrach, 6 Jahre alt, als wir in Düsseldorf ausgebombt und auf der Flucht vor den Fliegern phosphorverbrannt wurden. Ich sah tote Klassenkameraden aus meiner Volksschule aufgebahrt, hörte die Kirchengesänge französischer Kriegsgefangener und betete, betete in jeder Bombennacht voller Inbrunst. Ganz verschiedene Gebete übrigens, vor allem aber Mariengebete „Heilige Maria Mutter Gottes, bitt´ für uns , jetzt, und in der Stunde unserer Not“. Das Gebet hatte ich von Nonnen im katholischen Kindergarten in Frankfurt am Main gelernt. Dorthin waren wir 1943 gezogen.
Todesangst prägte diese Kindheits – und Kriegsjahre – und der einzige Trost, die einzige Zuflucht fand sich in der Hoffnung, dass Gott uns aus diesem Grauen herausführen würde – eines Tages. Als dieser Tag dann kam, der Tag der Befreiung durch die Alliierten und mit ihr der Aufbruch in eine neue Zeit, setzten bei mir die kritischen Fragen zu diesem Gott ein, der uns zwar gerettet hatte, aber so viele andere – Unschuldige, Verfolgte, Gejagte, Gefolterte, mit Absicht ermordete – eben nicht. Wie ließ sich das erklären? War das derselbe Gott, zu dem wir beteten, der die Konzentrationslager zuließ, den mörderischen Krieg, die mörderische Diktatur. Alles ein- und derselbe Gott. Und von ihm erhoffte ich Rettung? Selbst die Religionslehrer hatten keine Antwort auf diese Fragen.
Neue Gottesbilder tauchten auf: der grausame Gott, der gleichgültige Gott, der von Menschen so weit entfernte Gott, der über alles erhabene Gott – fern der Rohheit und Gewalt. Seitdem habe ich eine kritische Distanz zu den Kirchen. So wie ich sie in den Nachkriegsjahren erlebt habe: mit Hirtenbriefen vor Wahlen, die davor warnten für Sozialdemokraten zu stimmen, die sich gegen jede Reform des Eherechts stemmten, die Reform des § 218 bekämpften, sich keiner Schuld am Antisemitismus und Anti-Judaismus bewusst sein wollten, alles mögliche zur Sünde erklärten, was im Kern doch eigentlich eine Frage der Moral war… diese Kirchen – ich wähle bewusst den Plural – waren für mich fremdes Terrain, mit dem ich nichts zu tun hatte und auch nichts zu tun haben wollte. Mit meinem Glauben aber hatte das nichts zu tun, davon war ich überzeugt. Das war ein „Stück von mir“, mir innewohnend hätte man altmodischer weise gesagt. Und so könnte man meine Haltung wahrscheinlich eine gespaltene bezeichnen: der Institution Kirche gegenüber rational, analytisch, kritisch eingestellt, dabei in der Sehnsucht lebend, dass die Botschaft der Kirche wahr und wahrhaftig ist: dass Immaterielles existiert, dass Sinn existiert, ja dass Liebe existiert – Liebe als Caritas, als Nächstenliebe, als Solidarität – und von daher auch unsere Verpflichtungen als Mitmenschen kommen, unsere Verantwortung anderen gegenüber – vor allem aber den Schwachen.
Im Gebet habe ich immer meinen Glauben empfunden – außerhalb des Gebets hatte ich meine Auseinandersetzung mit der Kirche – bis hin zur Ablehnung, dem Austritt.
Deshalb war ich an diesem Sommertag 1988 in London wohl auch so verzweifelt, als ich den Text „Vater Unser“ nicht mehr denken und sprechen konnte. Ausgelöst von der Erfahrung des Sterbens war da die tiefe Angst vor dem Nichts, dem Sturz aus dem Leben ohne Trost und Rettung. Ich fürchte mich vor einem Leben ohne Sinngebung – und dem Hochmut, diese Sinngebung müssten wir schon selbst setzen. Ja, natürlich die großen philosophischen und literarischen Texte zeigen uns Sinngebungen auf – aber sie sind so widersprüchlich wie vielfältig. Und wenn man all´ ihre Bilder nebeneinander hält, von Gott und die Menschenbilder der Religionen – dann dreht man sich irgendwie im Kreis.
Übrigens 2002 bin ich wieder in die evangelische Kirche eigetreten. Die Frauen waren zugelassen zum Pfarramt, es gab schon zwei Bischöfinnen – meine Argumente für den Austritt von damals waren nicht mehr stichhaltig. Die „KIRCHE“ hatte sich verändert. Nicht nur in dieser Frage. Bei Friedens-Initiativen gab es großartige Pfarrer und Pfarrerinnen. In der Anti-Atomkraft-Bewegung. Die Kirche gab „Armutsberichte“ heraus, zeigte die Defizite der herrschenden Verhältnisse. In Frankfurt am Main, wo ich siebeneinhalb Jahre als Chefredakteurin Fernsehen beim Hessischen Rundfunk gearbeitet habe, gab es Ordensleute, die – damals! gegen die Geschäfte der Banken protestiert haben und Jahresversammlungen der Aktionäre mit ihrem Protest konfrontierten. Bischof Kamphaus, der damalige Chef von Limburg, erarbeitete Analysen der Verarmung afrikanischer Staaten und deckte die verhängnisvolle Rolle der Weltbank auf, eine Entschuldung der ärmsten Länder fordernd … Ich habe ihn bei einer Konferenz der Deutschen Bank erlebt wie er den Profiteuren der Ersten Welt, so uns allen, die Leviten las…
Also, die Kirchen veränderten sich – und näherten sich immer mehr den Aufgaben, die für mich als Journalistin und heute als Politikerin verpflichtend sind.
- für Frieden zu sorgen
- für Gerechtigkeit du damit soziale Gerechtigkeit
- und der gewaltigen Macht des Geldes, dem Materiellen als A und O unseres Lebens etwas entgegenzusetzen. Die Zukunft.
Wie ich mir die „Kirche der Zukunft“ wünsche, wenn ich sie mir wünschen dürfte, hat mich Pfarrer Michalski gefragt. Menschlicher, uns allen zugewandter und vor allem den Armen und Schwachen zugewandt – so wie Christus es vorgelebt hat.
Vielleicht „jüdischer“. Von meinem jüdischen Freund habe ich gelernt, dass man mit „Gott“ zürnen darf, hadern, argumentieren. Das fände ich befreiend. Und Rabbiner Walter Homolka hat uns auf einer Konferenz „Mit den LINKEN über Gott reden“ in Erfurt folgendes auf den Weg mitgegeben: „Im Judentum geht es ja weniger um den Glauben, sondern es geht um die Frage, wie ich mich verhalte. Und hier steht ein verantwortungsbewusst handelnder Mensch im Zentrum. Ich glaube als Rabbiner, dass Gott den Menschen die Autonomie gegeben hat, diese Welt nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Er hat uns beauftragt, das zu tun, ermächtigt. Das heißt, wir haben auch diese Verantwortung, wir haben die Möglichkeit, wir haben diese Freiheit. Und durch seine Gebote gibt er uns den Rahmen.
Das wäre für mich eine „Kirche der Zukunft“ – sie wäre der Ort der Sehnsucht nach Glauben und Hoffnung und gleichzeitig der Ort der Verantwortung – mit allen Konsequenzen, die diese Verantwortung mit sich bringt. Eintreten gegen Gewalt und Rohheit, Kriege, Ausbeutung, Übermacht, Betrug, Herrschaft. Diese Kirche brauchen wir heute! Und sie sollte selbstbewusst sein – ihrer Werte bewusst. Friedhöfe, christliche Zeichen? Ihre Werte? Sie bestehen daraus, eine „gottlose Gesellschaft“ zu verhindern. Das müssen Männer und Frauen, die glauben, leisten. Gregor Gysi hat einmal gesagt: „Ich glaube nicht an Gott – aber ich fürchte eine gottlose Gesellschaft.“ Ja, wer, wenn nicht die Gläubigen, können das leisten? Das ist unser Auftrag – eine Gesellschaft der Verantwortung und der Solidarität lebendig zu erhalten – und zu verteidigen gegen die Hybris und menschliche Gier.
Ich habe erst vor kurzem gelernt, dass es Umverteilungsvorstellungen in der Bibel gibt – das siebte Jahr – das Sabbath Jahr. Nach sieben Jahren werden die Schulden erlassen. Nach sieben Jahren werden die Felder umverteilt. Wer schlechtes Land hat, bekommt besseres. Damit nicht Reichtum auf Reichtum sich häuft – und Arme immer weiter verarmen. In einer Zeit von sieben Jahren kann man Wohlstand gewinnen, aber keinen überfließenden Reichtum. In sieben Jahren kann man verarmen, aber wenn es dann einen Schlussstrich unter den Schulden und eine Chance des Neuanfangs gibt, ist der völlige Absturz in Elend gebannt. So werden auch nicht Generationen des Reichtums und die Generationen der Armut geboren!
Mag’ sein, dass diese Vorstellung unseren menschlichen Charakter überfordert – zu bedenken ist diese biblische Utopie aber schon. Insbesondere in einem reichen Land, in dem die Mehrheit nicht „hungert und dürstet“. Umverteilung statt immer weiteres Auseinanderklaffen in Reich und Arm wäre eine humane und eine christliche Botschaft. Wir sollten sie verbreiten.
Das wäre mein Wunsch. In diesem Sinn schließe ich diese Laienansprache am Reformationstag mit drei Zitaten, die mein Leben, gerade auch als Politikerin prägen:
Das erste Zitat stammt von Gandhi: „Politik ohne Religion ist eine Todesfalle, denn sie tötet die Seele.“
Wenn man Gandhi verehrt, und das immer noch Millionen Menschen, dann darf man so einen Gedanken, nicht außer Acht lassen.
Das zweite Zitat stammt von Dostojewski aus den „Brüdern Karamasow“: „wenn Menschen sich von Gott lossagen, dann wird von selbst die gesamte frühere Weltanschauung, und vor allem die gesamte frühere Moral zusammenbrechen und etwas Neues entstehen. Wo ein Gott ist, ist der Ort seiner Herrschaft. Wo ich bin, ist der Ort meiner Herrschaft.
Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt.“
Das dritte Zitat stammt aus dem Jahr 1990 und ist von Hans Küng: „Die Vielschichtigkeit des interreligiösen Dialogs bringt es mit sich, dass zum gegenseitigen Verstehen auf allen Ebenen nicht nur guter Wille und offene Haltung erforderlich sind, sondern, je nach Ebene, solide Kenntnisse.