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Rückblick auf die Tage im Zeichen der Erinnerung an den 8. Mai 1945 – Teil 2

Der Himmelsfahrtsfeiertag eignet sich, um den Rückblick auf die Tage um den 8. Mai und das vielfältige Gedenken an die Befreiung Deutschlands vor 65 Jahren fortzusetzen.
Vorgestern ging es schon um den 7. Mai, den Tag im Parlament.
Heute: der 8. Mai selbst.

Gruppe
Volkhardt Germer (3.v.r.) und Priester Michail Rahr (2.v.r.)

BlumenIch bin in Thüringen. In den Zeitungen keine Silbe über das historische Datum, das doch im Grunde der wichtigste Moment in unserer nachfaschistischen Zeit ist. Wären wir hier ohne die Befreiung der Alliierten? Was wären wir ohne ihre Taten?
Um 10 Uhr findet in Weimar im Schlosspark, ein paar Schritte hinter der Anna-Amalia-Bibliothek eine kleine Gedenkfeier auf dem Ehrenfriedhof für die gefallenen Soldaten der Roten Armee statt. Der Oberbürgermeister von Weimar hat dazu eingeladen. Außer mir kein Bundestagsabgeordneter, kein Landtagsabgeordneter und auch der Stadtrat von Weimar glänzt durch Abwesenheit.
KinderEine anrührende Gruppe von alten Leuten bringt Blumen. Drei Schüler des Musik-Gymnasiums spielen Scarlatti-Stücke – schwebend im strahlenden Frühlingslicht. Über 600 Gefallene liegen hier begraben. Der Oberbürgermeister erzählt die Geschichte des Friedhofs. Angeordnet vom Sowjet-Kommandanten sofort nach Einmarsch. Was er nicht erzählt sind die Versuche nach Lesendeder Wende, den Friedhof mit rotem Stern und Hammer- und Sichelsymbolen aus der Idylle des Schlossparks zu entfernen. Wer sich mit aller Macht dagegengestemmt hat, war der vorherige Oberbürgermeister Volkhardt Germer. Er steht heute mitten in der kleinen Gruppe, könnte viel erzählen. Mit dabei ist auch der orthodoxe Priester Michail Rahr, der der orthodoxen Gemeinde in Weimar vorsteht , die sich aus russischen, griechischen und georgischen Gläubigen zusammensetzt. Eine Glaubensgemeinschaft der Vielfalt, die auf friedlichen Ausgleich und Zusammenhalt setzt – statt auf Gegensätze. Einen Strauß tiefroter Nelken legt er am Gedenkstein nieder. Dann spricht eine ältere Dame ein Gedicht, das sie und ihr Mann für diesen Tag geschrieben haben. Ein Gedicht über die Tränen, die Trauer, den Schmerz des Todes… Die Schüler, blass und schmal in ihren weißen Hemden und grauen Anzügen spielen eine letzte Melodie.

Am Nachmittag in Apolda. Im Landratsamt in einer verlassen wirkenden Stadt wird die Wanderausstellung „Opfer rechter Gewalt seit 1990 in Deutschland“ eröffnet. Der SPD-Kollege Steffen-Claudio Lemme aus dem Bundestag hat viel unternehmen müssen, um die Ausstellung an diesem Ort zu ermöglichen.
Nun wird sie eröffnet. Aber wie?
Kein Plakat auf der Straße vor der Tür oder an der Fassade des Landratsamtes. Ein dunkler Korridor in dem die so schrecklichen Fotos und kurzen Lebensgeschichten von den Opfern neo-nazistischer Gewalt seit 1990 aufgehängt sind. Gesichter, die einen stumm anschauen und das Herz fast stillstehen lassen. Männer, Frauen, Kinder, Alte, Obdachlose, vietnamesische Gesichter, afrikanische Gesichter. Weil Wochenende ist, gibt es nur eine Sparbeleuchtung, man kann so gut wie nichts erkennen…

Apolda

Um 16 Uhr dann beginnt zwei Stockwerke höher eine Diskussion. „65 Jahre Kriegsende – Geht der 8. Mai in Rente?“
Wir sind jetzt drei Bundestagsabgeordnete: Steffen-Claudio Lemme (SPD, 2.v.r.), Johannes Selle (CDU, 3.v.r.) und ich (siehe unsere gemeinsame Pressemitteilung vom Wochenende). Und mit dabei ist ein ganz junger Landtagsabgeordneter der Grünen. Der Moderator hält ein Plädoyer für eine Zusammenschau von Gedenken an den 8. Mai und Gegenwehr gegen den neuen Nazi-Terror. Er meint, wir müssten „von drinnen nach draußen“ wirken. Recht hat er. Das müsste mit der Ausstellung schon mal anfangen. Auf der Straße zeigen, dass es so etwas gibt in Apolda. Selbstbewusste Außenwerbung anstelle klammheimliches Verstecken in einem dunklen Korridor, für den es noch nicht einmal das Licht gibt, das die Bilder sichtbar macht. Apolda. Immer wieder heimgesucht von neuen Nazis. Wir sind uns einig, der 8. Mai darf nicht in Rente geschickt werden, im Gegenteil: wir müssten viel mehr aus ihm wieder machen. Und wir müssten mehr werden, als wir zur Zeit sind.