Kolloquium: Berlin und seine neuen Denkmäler
20. April 2009 in Erinnerungskultur, in Berlin
Am Freitag lud die Bundestagsfraktion DIE LINKE zu einem Kolloquium in die Berliner Bauakademie ein – 100 Meter vom Sockel des früheren Kaiser-Wilhelm-Standbilds entfernt mit Sicht auf den niedergerissenen Palast der Republik.
In letzter Zeit wurden von der Regierung große Denkmalprojekte durchgesetzt: Ein „Ehrenmal“ für die Bundeswehrtoten auf dem Antretplatz des Bundesverteidigungsministeriums. Ein „Freiheits- und Einheitsdenkmal“ auf dem Sockel des früheren Kaiser-Wilhelm-Standbilds mitten in Berlin – und neuderdings sogar ein zweites in Leipzig. Dazu kommt das Dokumentationszentrum „Flucht – Vertreibung – Versöhnung“ … Besondere Erinnerungsorte, an denen in Zukunft, bildlich gesprochen, niemand vorbeikommen wird.
Schauen Sie sich hier meine Begrüßung an, in der ich erläutere, was Norman Paech, Thomas Flierl und ich uns bei der Konzeption dieser Veranstaltung an genau diesem Ort dachten.
Lesen Sie auch meinen heutigen Tagebucheintrag (20. April), darüber, wie unsere Diskussion über die neuen Berliner Denkmäler in der Presse bewertet wurde.
Presseecho:
Die Welt: Berlins leere Mitte: Die Linke und die Denkmäler
Berliner Zeitung: Erinnerung ohne Kitsch und Heldenkult
Neues Deutschland: Kaisers Sockel und Wahrheit der Geschichte
Foto links: Rolf Hochhuth, Dramatiker: „Das Ende der Verdrängung ist der Beginn von Denkmälern.“
Foto rechts: Wolfgang Wippermann, Professor für Neuere Geschichte an der FU Berlin in der Diskussionsrunde „Sehnsucht nach Erhöhung“ – Brauchen wir neue Denkmäler? mit Rolf Hochhuth: „Wir brauchen keine neuen Denkmäler. Wir sollten lieber nachdenken statt denkmalen und die Denkmalsinflation endlich stoppen.“
Foto: Ein Zwiegespräch zwischen Norman Paech (l.) und Willy Wimmer: „Ehrenmal der Bundeswehr“ oder „Mahnmal gegen Kriege“?
Norman Paech, MdB, DIE LINKE: „Denkmäler sind nur sehr selten Zeugen der Geschichte – vielmehr Manipulation.“
Willy Wimmer, CDU-MdB, Mitglied im Auswärtigen Ausschuss ist gegen Auslandseinsätze der Bundeswehr, aber für das Ehrenmal – damit „die Soldaten nicht der Vergessenheit überantwortet werden.“
Foto: Peter Brandt, Thomas Flierl und Ingo Schulze (v.l.n.r.): Das „Freiheits- und Einheitsdenkmal“ – Die „Versockelung der Revolution?“
Peter Brandt, Professor für Neuere Deutsche und Europäische Geschichte an der FernUniversität Hagen ist ein großer Befürworter dieses Projektes, denn „kein Volk gewinnt Orientierung nur aus der Erinnerung an das Versagen.“ Das Freiheits- und Einheitsdenkmal sei ein positives Zeichen und stehe in der langen Tradition der deutschen Freiheitsbewegung.
Für den Schriftsteller Ingo Schulze ist dieses Nationaldenkmal „in jeder Hinsicht problematisch bis absurd“. Sein Gegenvorschlag wäre eine Nationalfeiertag am 9. Oktober. Denn „der 9. Oktober 1989 war der entscheidende Tag, an dem 70.000 Menschen auf die Straße gingen. Diese geglückte Auflehnung ist beispiellos.“
Timo Daum und seine Künstlergruppe FUSS! zeigten ein für dieses Kolloquium angefertigtes Video-Denkmal gegen aktuelle und zukünftige Kriege – als Gegenentwurf zum Ehrenmal der Bundeswehr
Mehr Informationen über die Videogruppe FUSS! – die Künstler, Projekte und Intentionen auf der Internetseite www.fuss.cc
Aus dem Sachstandsbericht der Bundesregierung zum Freiheits- und Einheitsdenkmal:
„Für die Sanierung des Denkmalsockels sei eine Einigung mit dem Land Berlin getroffen worden. Die Kosten (4,1 Mio. Euro) würden über die städtebauliche Entwicklungsmaßnahme Hauptstadt Berlin, Parlaments- und Regierungsviertel, finanziert. Diese Summe werde also unabhängig von den für das Freiheits- und Einheitsdenkmal bewilligten 15 Mio. Euro aufgebracht.“
Kurzstatement von mir zum Freiheits- und Einheitsdenkmal:
„Das ‚Freiheits- und Einheitsdenkmal’ ist von Anfang an ein Konstrukt. Wer die friedliche Revolution im Herbst 1989 mit der Wiedergewinnung der staatlichen Einheit Deutschlands 1990 in eins setzt, wird diesem Erbe nicht gerecht, weil beide Vorgänge zwei Stufen eines komplexen internationalen, historischen Prozesses darstellen, die nicht unmittelbar aufeinander bezogen werden können. Diese Revolution mit dem Ruf ‚Wir sind das Volk’ ist singulär in der deutschen Geschichte, so dass sie erst recht nicht mit den freiheitlichen Bewegungen und Einheitsbestrebungen der vergangenen Jahrhunderte vermengt werden kann.“
Norman Paech zum Ehrenmal der Bundeswehr:
„Das Wissen um weitere tote Soldaten in den Militäreinsätzen rund um die Welt, hat die Planungen für ein Denkmal beflügelt, welches man je nach Geschmack Krieger-, Helden- oder Soldatendenkmal nennen mag. Es ist auf jeden Fall alles in einem und soll in Stein, Marmor oder Metall verewigen, was ein Staatsakt nur für den Tag und in vergänglicher Weise stiften kann: den Sinn des Tötens. Hier geht es nicht mehr um Trauer, um den Ort für die Totenklage und die Mahnung an die Nachwelt: „Nie wieder Krieg“. Hier geht es um die militärischen Insignien des Stolzes, der Ehre, des Dienstes am Vaterland und die Abwehr der Kritik – kurz: um den Anachronismus dieser neuen Epoche.“
Thomas Flierl über eine widersprüchliche Erinnerungskultur:
„Mit dem Nebeneinander der umgestalteten Neuen Wache, die alle ‚Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft’ ehrt, dem ‚Denkmal für die ermordeten Juden Europas’ und – demnächst – dem ‚Freiheits- und Einheitsdenkmal’ auf dem Sockel des Wilhelminischen Nationaldenkmals haben wir die Logik einer affirmativen staatlichen Erinnerungskultur vor uns, die ihre immanenten Widersprüche verbirgt, die in der Konkurrenz der Opfergruppen ständig neue Denkmalsprojekte generiert und die in der verschleifenden Rede von den ‚beiden deutschen Diktaturen’ deren Dimensionierung und historische Verortung verunklart.“



Programm der Veranstaltung hier
Foto: Projektion des früheren Kaiser-Wilhelm-Denkmals am Schlossplatz
Foto: Der Entwurf des Ehrenmals der Bundeswehr als Modell





