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DDR-Kunst: Die gerne verfemten Bilder

DDR-Kunst-Debatte in Weimar„Die gerne verfemten Bilder“ – unter diesem Titel diskutierten in Weimar am 9. September 2007 in der Matinée „Café Gedanken frei“ Professor Peter Arlt, Kunsthistoriker an der Uni Erfurt, (Foto links neben Luc Jochimsen) und das Vorstandsmitglied der Willi-Sitte-Stiftung Dr. Jürgen Weißbach über den Umgang mit der DDR-Kunst.

Die kulturpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion DIE LINKE hatte sich Sonntag in ihre Weimarer Matinée „Café Gedanken frei“ zwei Experten eingeladen, um den in Thüringen anlässlich der Erfurter Willi-Sitte-Ausstellung entflammten Streit um den „richtigen“ Umgang mit der DDR-Kunst zu diskutieren: Jürgen Weißbach, Vorstandsmitglied der Willi-Sitte-Stiftung in Merseburg, und Peter Arlt, Professor für Kunstgeschichte an der Uni Erfurt.

Dass über Bilder heftiger als über Bücher, Musik oder Filme gestritten wird, erstaunte Arlt nicht: „Bilder haben nicht erst seit dem 11. September eine besondere Macht auf die Menschen nachgewiesen. Bilder sind mehr präsent im öffentlichen Raum. An einem Bild kann man exemplarisch die DDR verteufeln oder verniedlichen. Der eiserne Vorhang in den Köpfen ist längst noch nicht weg.“

Jürgen Weißbach Weißbach (Foto links) berichtete, dass Sitte eine zeitlang nach der Wende nur noch im Westen habe ausstellen wollen. „Ich beklage ein Kartell des Verschweigens, und es sind überwiegend einstige DDR-Bürger die dabei als Stichwortgeber wirken“, wandte sich Weißbach gegen das Vorurteil, Westdeutsche hätten die Tabuisierung der DDR-Kunst bewirkt.

Jochimsen sah in diesem Verschwindenlassen der Werke in den Depots und in deren Verfemung sobald sie dort herausgeholt und gezeigt werden, auch Attacken gegen „Bilder eines Realismus“: neben abstrakter Kunst habe „der Realismus heute immer noch eine identitätsstiftende Botschaft“.

Mit einem „Lob der Unterdrückung“ verwies Arlt auf „die Dialektik“ des Umgangs mit diesem DDR-Erbe: „Ohne das Sitte-Ausstellungsverbot in Nürnberg gäbe es nicht Merseburg – ohne die Ausstellungsabsage in Meiningen nicht den Ausstellungserfolg in Erfurt“.

So waren sich alle drei Diskutanten auf dem Podium schließlich einig, dass Thüringens Stasiunterlagenbeauftragte Hildigund Neubert mit ihren Attacken gegen ein Werner-Tübke-Bild im Thüringer Landtag 2006 sowie gegen die Erfurter Sitte-Ausstellung in diesem Sommer das Interesse an den „gern verfemten Bildern“ (Jochimsen) mobilisiert hat, wofür man ihr eigentlich dankbar sein müsse.

Veranstaltungsbericht Thüringer Allgemeine (PDF)

Jürgen Weißbach 1938 in Dittersdorf bei Chemnitz geboren. 1959 Abitur in Frankfurt/Main und Theologiestudium
in Mainz und Göttingen. 1970 Promotion, bis 1974 Assistent an der Universität Göttingen. 1974-1986 Leiter des Zentrums
für wissenschaftliche Weiterbildung der Universität Oldenburg, bis 1992 stv. Vorsitzender des DGB Niedersachsen,
1992-2003 Vorsitzender des DGB Sachsen-Anhalt. Vorstandsmitglied der Willi-Sitte-Stiftung in Merseburg.

Peter Arlt 1943 geboren. Lehre als kartographischer Zeichner. Studium Kunsterziehung und Deutsch an der Pädagogischen Hochschule Erfurt 1966-1970, Promotion zum Dr. päd. 1974, Habilitation 1988 mit einer Arbeit über Antikerezeption in der bildenden Kunst der DDR,
1993 Ernennung zum Professor (Bereich Kunstgeschichte des Fachgebiets Kunst der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät an der Universität Erfurt); Hauptforschungsschwerpunkt: Ikonographie und Ikonologie.

Café Gedanken frei, so heißt unsere Matinée, die wir jeden 2. Sonntag eines Monats in unserem bürger.BÜRO in Weimar
veranstalten: Nachdenken, voraus denken, alte und neue Gedanken, Querdenker, Kontroversen…